Ulrike Leonhardt: Das Geheimnis des Edwin Drood, fortgeschrieben und zu Ende geführt

Отправлено 23 мар. 2014 г., 12:03 пользователем Sven Karsten   [ обновлено 23 мар. 2014 г., 12:03 ]

Das Frag­ment hat seine ei­ge­ne Äs­the­tik; das gilt so­wohl für die his­to­risch be­schä­dig­te wie für die künst­lich an­ge­leg­te Ruine. Ein Son­der­fall ist das Frag­ment durch Sto­ckung: das un­voll­ende­te Haus. Nicht ab­ge­schlos­se­ne Ro­ma­ne gibt es viele; we­ni­ge ent­hal­ten den Kit­zel eines un­ge­lös­ten Rät­sels. Das klas­si­sche Bei­spiel in der deut­schen Li­te­ra­tur dürf­te Schil­lers "Geis­ter­se­her" sein: der schau­er­ro­man­ti­sche Ent­wurf eines Ver­schwö­rungs­ro­mans, lie­gen­ge­las­sen, weil dem Autor die plau­si­ble Auf­lö­sung nicht recht ge­lin­gen woll­te und weil auch sein In­ter­es­se rasch er­lahm­te. Man wird nicht un­be­dingt be­dau­ern, daß er die Ge­schich­te nicht voll­endet hat; viel­leicht hätte er das auch gar nicht viel bes­ser ge­konnt als Hanns Heinz Ewers, der ge­schick­te Kit­schier und "com­mis voya­geur ins Tran­szen­den­te" (Karl Kraus), der 1922 einen Schluß er­fand. Die eng­li­sche Li­te­ra­tur aber kennt einen Fall, in dem nicht Lust­lo­sig­keit oder Un­ver­mö­gen den Span­nungs­ro­man eines gro­ßen Au­tors zum Frag­ment ge­macht haben, son­dern der Tod.

Am 9. Juni 1870 starb Char­les Di­ckens, in ge­wis­ser Weise Opfer sei­ner his­trio­ni­schen Lei­den­schaft: Er hatte seine Ge­sund­heit durch die me­lo­dra­ma­ti­schen Le­sun­gen, bei denen er unter an­de­rem Nan­cys Er­mor­dung durch Bill Sil­kes ("Oli­ver Twist") zum bes­ten gab, ge­fähr­lich stra­pa­ziert. Un­voll­endet blieb sein fünf­zehn­ter Roman, "The Mys­te­ry of Edwin Drood". Wie alle Ro­ma­ne des Au­tors war er in Lie­fe­run­gen er­schie­nen; wie bei kaum einem an­de­ren brei­te­te Di­ckens den Schlei­er des Ge­heim­nis­ses über den Aus­gang. Denn es han­del­te sich um einen Kri­mi­nal­ro­man.

>>> Читать дальше [Read more]