Burkhart Kroeber: Kurzer Abriss der bemerkenswerten Geschichte dieses Buches

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NFANG April 1870 er­scheint in Lon­don bei Ch­ap­man & Hall die erste Lie­fe­rung des lang er­war­te­ten neuen Ro­mans von Char­les Di­ckens. Seit fast fünf Jah­ren, seit im Herbst 1865 "Our Mu­tu­al Fri­end" er­schienen war, hat der be­rühm­tes­te, be­lieb­tes­te und meist­ge­le­se­ne Schrift­stel­ler sei­ner Zeit nichts mehr ver­öf­fent­licht. Er war auf Rei­sen ge­we­sen, hatte zu­letzt in Ame­ri­ka eine sehr an­stren­gen­de, aber sogar für seine Ver­hält­nis­se au­ßer­ge­wöhn­lich er­folg­rei­che Le­se­tour­nee ab­sol­viert (al­lein in New York waren im Win­ter 1867/68 mehr als 40 000 Men­schen zu sei­nen Le­sun­gen ge­kom­men), dabei stand es mit sei­ner Ge­sund­heit durch­aus nicht zum bes­ten (an­hal­ten­der Ka­tarrh, Schlaf­lo­sig­keit, Fuß­schmer­zen...). Nun also er­scheint "The Mys­te­ry of Edwin Drood", ein auf zwölf mo­nat­li­che Lie­fe­run­gen an­ge­leg­ter Roman. Jede Lie­fe­rung, wie immer bei Di­ckens, ein groß­formatiges Heft mit 30 Sei­ten Text und zwei Illustra­tionen. Titel und Deck­blatt ver­spre­chen einen Kri­minalroman mit «go­ti­schen» Ele­men­ten. Mys­te­ry no­vels waren da­mals ge­ra­de po­pu­lär ge­wor­den, seit Wil­kie Col­lins die neue Gat­tung mit sei­nen Best­sel­lern "The Woman in White" (1860) und "The Moons­to­ne" (1868) ge­prägt hatte. Die erste Num­mer des Edwin Drood ent­hält die Ka­pi­tel 1-5, wei­te­re Num­mern er­schei­nen pünkt­lich An­fang Mai und An­fang Juni — doch am Abend des 8. Juni 1870 er­lei­det Di­ckens, nach einem vol­len Ar­beits­tag in sei­nem Land­haus Gad's Hill bei Ro­ches­ter, einen Ge­hirn­schlag, an dem er tags dar­auf stirbt. Zwei wei­te­re Num­mern hat er zu die­ser Zeit be­reits ge­lie­fert und auch schon die Fah­nen kor­ri­giert, an der drit­ten feh­len nur noch we­ni­ge Sei­ten. So kön­nen ge­ra­de noch pünkt­lich die Num­mern von Juli, Au­gust und Sep­tem­ber er­schei­nen, aber dann ist das Ma­te­ri­al er­schöpft, und der Roman bricht nach dem Ka­pi­tel "The Dawn Again" ab.

Alle Fäden hän­gen in der Luft. Das im Titel an­gekündigte mys­te­ry ist be­reits ge­sche­hen: In Kapi­tel 14, shake­spearisch-un­heim­lich "When Shall These Three Meet Again?" über­schrie­ben, ist der Ti­tel­held Edwin Drood auf mys­te­riö­se Weise ver­schwun­den, doch was mit ihm pas­siert ist, ob er er­mor­det wor­den ist, und wenn, von wem, bleibt völ­lig un­klar. Die fol­gen­den Ka­pi­tel brin­gen nicht nur kei­ner­lei Klä­rung, son­dern stei­gern die Un­ge­wiss­heit noch und las­sen spä­tes­tens mit dem Auf­tau­chen eines myste­riösen, of­fen­sicht­lich ver­klei­de­ten «Neuankömm­lings in Clois­ter­ham» ein wei­te­res mys­te­ry er­war­ten. Eine im­men­se Le­ser­ge­mein­de (die ver­kauf­te Auf­lage der mo­nat­li­chen Lie­fe­run­gen be­trug je­weils um die 100000 Ex­em­pla­re) sah sich un­ver­se­hens ver­waist. Be­stärkt wurde die­ses Ge­fühl noch durch den selt­sam düs­te­ren, «spät­zeit­li­chen» Ton man­cher Pas­sagen und den rät­sel­haf­ten Schluss des letz­ten Kapi­tels, des­sen Titel in frap­pan­ter Weise, als hätte der Autor ge­ahnt, dass er kein wei­te­res mehr schrei­ben würde, auf das An­fangs­ka­pi­tel The Dawn zurückver­weist («Herr der Däm­me­rung» nann­te den spä­ten Di­ckens sein gro­ßer Ken­ner und Be­wun­de­rer Arno Schmidt).

Kein Wun­der, dass als­bald eine Flut von Spekula­tionen über die vom Autor in­ten­dier­te Lö­sung des Rät­sels aus­bricht. Doch an­statt sich nach einer mehr oder min­der aus­ge­dehn­ten Weile wie­der zu legen, wenn die ge­büh­ren­den Nach­ru­fe, Re­zen­sio­nen und Wür­di­gun­gen er­schie­nen sind, wie es normaler­weise auch bei den größ­ten und be­rühm­tes­ten Toten ge­schieht, stei­gert sich diese Flut in den fol­gen­den Jah­ren und Jahr­zehn­ten zu einer wah­ren La­wi­ne von Pu­bli­ka­tio­nen aller Art, die bis heute nicht zum Still­stand ge­kom­men ist. Die Zahl der öf­fent­li­chen Wort­mel­dun­gen zu Di­ckens' un­voll­ende­tem letz­ten Roman ist buch­stäb­lich ufer­los: eine 1998 in New York er­schie­ne­ne kom­men­tier­te Bi­blio­gra­phie all des­sen, was in der eng­lisch­spra­chi­gen Fach­welt Droo­di­a­na ge­nannt wird, lis­tet auf 634 Sei­ten über 1800 ein­schlä­gi­ge Titel auf, dar­un­ter al­lein 36 in der Ab­tei­lung «Con­ti­nua­ti­ons, Con­clu­si­ons, Se­quels, and Al­ter­na­te Ver­si­ons» — und der Bi­blio­graph Don R. Cox be­tont aus­drück­lich, dass er kei­nes­wegs alles er­fasst habe.1

Es würde hier zu weit füh­ren, auch nur die Haupt­li­ni­en die­ser in­zwi­schen seit über 130 Jah­ren ge­führ­ten De­bat­te nach­zu­zeich­nen, die strecken­weise wie ein Ge­sell­schafts­spiel oder Sport und pha­senweise auch wie eine Manie an­mu­tet. Der interes­sierte Leser sei auf die sehr in­for­ma­ti­ve, 23 Sei­ten lange Ein­lei­tung von Cox ver­wie­sen. Ich fasse zu­sammen und hebe die in­ter­es­san­tes­ten Mo­men­te her­vor.

Die ers­ten Kom­plet­tie­rungs­ver­su­che des Edwin Drood waren nicht etwa im vik­to­ria­ni­schen Eng­land ent­stan­den, son­dern in Ame­ri­ka, und zwar auf­grund spi­ri­tis­ti­scher Kon­takt­auf­nah­me mit dem Geist des ver­stor­be­nen Au­tors: eine Büh­nen­fas­sung, die 1870 in Chi­ca­go und Bal­ti­more auf­ge­führt wur­de2 (eine um­ge­schrie­be­ne Ver­si­on mit dem Titel Jas­per war 1871 in New York zu sehen), und ein an­ony­mer, 1873 in Bratt­le­bo­ro, Ver­mont, er­schie­ne­ner "Part Se­cond of The Mys­te­ry of Edwin Drood" mit der Au­to­ren­an­ga­be: «By the Spi­rit-Pen of Char­les Di­ckens, Through a Me­di­um»3 (die­ses Me­di­um, ein Buch­dru­cker na­mens Tho­mas P. James, soll­te nach ei­ge­ner An­ga­be noch ein wei­te­res von Di­ckens' Geist dik­tier­tes Werk zu Pa­pier brin­gen, das dann unter dem Titel "The Life and Ad­ven­tures of Bock­ley Wick­leheap" Di­ckens' ers­tes kom­plett pos­tu­mes Werk ge­wor­den wäre, doch er muß es sich an­ders über­legt haben, denn die­ses Werk hat sich nie ma­te­ria­li­siert).

Die al­ler­ers­te «al­ter­na­te Ver­si­on» war je­doch eine bur­les­ke Ver­si­on, die be­reits 1870, nur leicht verscho­ben zur lau­fen­den Pu­bli­ka­ti­on des "Mys­te­ry of Edwin Drood", in wö­chent­li­chen Lie­fe­run­gen in New York er­schien: eine Par­odie (über­zeu­gen­der Be­weis für Di­ckens' Be­liebt­heit in Ame­ri­ka — nur wahr­haft po­puläre Au­to­ren wer­den par­odiert), die sich unter dem Titel "The Mys­te­ry of Mr. E. Drood" als «amerikani­sche Ver­si­on» prä­sen­tier­te und nach Di­ckens' plötz­lichem Tod zu einem ra­schen Ende ge­führt wurde.4 Ein hal­bes Jahr spä­ter, also ge­ra­de ein Jahr nach dem Be­ginn der Pu­bli­ka­ti­on des Edwin Drood, er­schien die erste «rich­ti­ge» und ernst ge­mein­te Vervollständi­gung: "John Jas­per's Secret", eine an­onym pu­bli­zier­te Fort­set­zungs­fol­ge in wö­chent­li­chen Lie­fe­run­gen, zu­erst in Ame­ri­ka5, dann auch in Eng­land und Frank­reich, mit Il­lus­tra­tio­nen ähn­lich denen von Luke Fil­des und auch sonst viel Ähn­lich­keit mit dem Di­ckens­schen Ori­gi­nal, so dass bei den Le­sern eine ge­wis­se Ver­wir­rung ent­stand. Über­dies wurde das Werk in Frank­reich mit der Au­to­ren­an­ga­be «Char­les Di­ckens und Wil­kie Col­lins» ver­öf­fent­lich­t6, was den frü­her mit Di­ckens be­freun­de­ten, aber seit 1868 eher mit ihm ri­va­li­sie­ren­den Col­lins sehr ir­ri­tier­te. In spä­teren Aus­ga­ben wurde "John Jas­pers Secret" ab­wech­selnd Col­lins al­lein oder einer Zu­sam­men­ar­beit von Col­lins und Char­les Di­ckens Jr. zu­ge­schrie­ben, bis es schließ­lich 1905 unter dem Namen sei­nes wah­ren Au­tors Henry Mor­ford her­aus­kam.

Wei­te­re Fort­schrei­bun­gen er­schie­nen 18787 und 18858, au­ßer­dem gab es be­reits in den 1870er Jah­ren bei­der­seits des At­lan­tiks eine Reihe von Bühnenfas­sungen, dar­un­ter auch eine, an der Di­ckens' Sohn mit­ge­ar­bei­tet hatte, wes­halb man all­ge­mein an­nahm, dass sie das «rich­ti­ge Ende» ent­hal­te.9

Dies alles waren je­doch weit­ge­hend frei erfunde­ne Fort­set­zun­gen, denen es eher um span­nen­de Un­ter­hal­tung ging als um die Frage, wie der Autor sich den wei­te­ren Gang der Hand­lung ge­dacht ha­ben moch­te. Einen wich­ti­gen Bei­trag hier­zu leis­te­te Di­ckens' lang­jäh­ri­ger Freund und Bio­graph John Fors­ter, der im ein­schlä­gi­gen Ka­pi­tel sei­ner Di­ckens-Bio­gra­phie be­rich­tet, was Di­ckens ihm per­sön­lich dar­über mit­ge­teilt habe. In einem Brief vom Au­gust 1869 habe er ihm ge­schrie­ben: «Ich habe eine sehr ku­rio­se neue Idee für mei­nen neuen Roman. Eine Idee, die ich nicht mit­tei­len kann (sonst wäre das In­teresse für das Buch dahin), aber die sehr stark ist, wenn auch schwer zu rea­li­sie­ren.» Au­ßer­dem habe er ihm an­ver­traut, a) dass Jas­per sei­nen Nef­fen er­mordet und die Lei­che im un­ge­lösch­ten Kalk besei­tigt habe, und b) dass die Über­ra­schung darin beste­hen soll­te, dass Jas­per am Ende den Mord an sei­nem Nef­fen haar­klein in allen Ein­zel­hei­ten be­schrei­ben werde, «aber so, als er­zäh­le er das Ver­bre­chen eines an­dern», da er sich sei­ner Tat nicht be­wusst ge­we­sen sei. »10

In ähn­li­chem Sinne haben sich auch die bei­den Il­lus­tra­to­ren des Edwin Drood ge­äu­ßert: Char­les Col­lins (der jün­ge­re Bru­der von Wil­kie Col­lins und Di­ckens' Schwie­ger­sohn), der den Um­schlag ge­zeichnet hatte, er­klär­te 1871 in einem Brief, Di­ckens habe ihm zu einem frü­hen Zeit­punkt ei­ni­ge allge­meine Grund­li­ni­en des Hand­lungs­gan­ges er­läu­tert. Da­nach soll­te Edwin nicht wie­der auf­tau­chen, und Jas­per selbst soll­te dar­auf drän­gen, nach ihm zu su­chen, um den Ver­dacht von sich als dem wah­ren Mör­der ab­zu­len­ken. Dies sei in der Zeich­nung rechts auf dem Deck­blatt mit den drei Män­nern auf der Wen­del­trep­pe an­ge­deu­tet: der obere sei Jas­per, der auf sein ei­ge­nes Ab­bild rechts oben zeige. Im üb­ri­gen habe Rosa wohl Tartar und Cris­park­le die schö­ne He­le­na hei­ra­ten sol­len, wäh­rend ihr Bru­der Ne­vil­le viel­leicht ums Leben kom­men würde, wenn auch nicht klar sei, wie. Der Il­lus­tra­tor Luke Fil­des, der für den er­krank­ten Col­lins ein­ge­sprun­gen war, er­klär­te über zehn Jahre spä­ter, Di­ckens habe ihn aus­drück­lich auf den «lan­gen schwar­zen Schal aus fes­ter, dicht ge­web­ter Seide» hin­ge­wie­sen, mit wel­chem Jas­per sei­nen Nef­fen er­dros­seln würde, und habe mit ihm die To­des­zel­le des Zucht­hau­ses von Maids­to­ne be­su­chen wol­len, damit er sie rea­lis­tisch zeich­nen könne, da die Schluss-Sze­ne des Ro­mans in einer To­des­zel­le spie­len solle.

Die erste Mo­no­gra­phie zum Thema er­scheint 1887, eine buch­lan­ge Un­ter­su­chung von Ri­chard Proc­tor mit dem Titel "Wat­ched by the Dead: A Lo­ving Study of Di­ckens' Half-Told Tale", in der zen­tra­le Mo­ti­ve des Edwin Drood mit sol­chen aus an­de­ren Di­ckens-Ro­ma­nen ver­gli­chen wer­den.11 Ein wie­der­keh­ren­des Motiv bei Di­ckens, so Proc­tor, sei das des Böse­wichts, der von je­mand an­de­rem, den er ver­ach­tet oder nicht ernst nimmt, be­ob­ach­tet und schließ­lich vor Ge­richt ge­bracht wird (zum Bei­spiel Uriah Heep in "David Cop­per­field" von Mi­caw­ber, Hor­ten­se in "Bleak House" von Mrs. Bü­cket). Dass Grew­gious am Ende von Ka­pi­tel 15 so gleich­gül­tig auf Jas­pers Zu­sammenbruch re­agiert, zeigt laut Proc­tor, dass er schon weiß, wel­che Schuld Jas­per auf sich ge­la­den hat, und er weiß es von Edwin, der Jas­pers Mordver­such über­lebt und ihm davon er­zählt hat. Mit die­ser In­ter­pre­ta­ti­on er­öff­net Proc­tor die spä­ter so genann­te «re­sur­rec­tio­nist school» der Drood-Kommentato­ren, soll hei­ßen jener, die glau­ben, dass Edwin nicht tot ist, son­dern am Schluss wie­der auf­tau­chen soll­te.

Das nächs­te Buch zum Thema er­scheint 1905, im sel­ben Jahr, in dem die Di­ckens Fel­lowship ge­grün­det wird und ihre Zeit­schrift "The Di­cken­si­an" zu publi­zieren be­ginnt: In "Clues to the Mys­te­ry of Edwin Drood" un­ter­sucht J. Cu­ming Wal­ters drei für ihn alles ent­schei­den­de Fra­gen: Was ist mit Edwin gesche­hen, wer ist Dat­che­ry, und wer ist die «Prin­zes­sin Paf­fe­rin»? Wal­ters Ant­wor­ten auf die erste und die drit­te Frage sind nicht über­ra­schend: Edwin ist er­mordet wor­den, und die Paf­fe­rin könn­te Jas­pers Mut­ter ge­we­sen sein. Einen Schock ver­ur­sacht da­gegen seine Ant­wort auf die zwei­te Frage: Dat­che­ry sei He­le­na Land­less in ent­spre­chen­der Ver­klei­dung. Zahl­rei­che kon­tro­ver­se Ar­ti­kel er­schei­nen, so­wohl im "Di­cken­si­an" als auch in an­de­ren Zeit­schrif­ten und sogar in der Ta­ges­pres­se. Die Wel­len schla­gen so hoch, dass Luke Fil­des im Times Li­tera­ry Sup­ple­ment einen Brief ver­öf­fent­licht, in dem er be­teu­ert, als Il­lus­tra­tor habe er Di­ckens sehr gut ken­nen ge­lernt und könne daher sagen: Nie­mals hätte der Autor seine Fa­mi­lie und seine Freun­de, ein­schließ­lich Fors­ter, über den Plot und seine Ab­sich­ten so ge­täuscht. Au­ßer­dem kommt er auf die Sache mit dem lan­gen sei­de­nen Schal zu­rück und be­rich­tet, Di­ckens habe ihm auf seine Frage, warum Jas­per, den er bis­her nur mit einem klei­nen schwar­zen Hals­tuch dar­ge­stellt hatte, auf ein­mal so einen lan­gen Schal brau­che, «nach kur­zem nach­denk­li­chen Schwei­gen plötz­lich ge­ant­wor­tet: "Kön­nen Sie ein Ge­heim­nis be­wah­ren?" Ich ver­si­cher­te ihm, er könne sich auf mich ver­las­sen. Dar­auf sagte er: "Ich brau­che das dop­pelt so lange Hals­tuch! Das ist not­wen­dig, denn Jas­per er­dros­selt damit Edwin Drood!".»12

Die Ge­gen­sei­te ar­gu­men­tiert, das be­wei­se gar nichts, Di­ckens könne das auch nur ge­sagt haben, um Fil­des «einen Kno­chen hin­zu­wer­fen», wie komme es, dass Fil­des sich 35 Jahre nach Di­ckens' Tod so ge­nau an des­sen Worte er­in­ne­re, nach­dem er 14 Jahre vor­her durch­aus nicht so si­cher war? An der Cam­bridge Uni­ver­si­ty wird ein «Edwin Drood Syn­di­ca­te» ge­grün­det, die "Cam­bridge Re­view" greift die De­bat­te auf und führt sie im Win­ter 1905/06 wei­ter. Um die Wogen zu glät­ten, mel­det sich schließ­lich Di­ckens' Toch­ter Kate Pe­ru­gi­ni zu Wort, die Witwe von Di­ckens' ers­tem Il­lus­tra­tor Char­les Col­lins, und er­klärt sich einer Mei­nung mit Fil­des: Nie­mals hätte ihr Vater sei­nen Freund Fors­ter hin­ters Licht ge­führt, daher solle man des­sen Auf­fas­sung des Fal­les nun doch bitte als maß­geb­lich be­trach­ten.

Auch das half je­doch nichts: Nach einer kur­zen Ru­he­pau­se wird An­fang 1908 in Lon­don eine Büh­nenfassung des Edwin Drood auf­ge­führt, in der Edwin den Mord­ver­such Jas­pers über­lebt und Rosa glück­lich hei­ra­tet. Ein wei­te­res Stück kommt im März des­selben Jah­res auf die Bühne, das eben­falls «re­sur­rek­tio­nis­tisch» ar­gu­men­tiert, also Fors­ters und Kates Auf­fas­sung von Jas­per als Mör­der klar wi­der­spricht. Zu­gleich er­scheint ein neues Buch, "Keys to the Drood Mys­te­ry", in dem die These ver­tre­ten wird, die mehrfa­chen An­spie­lun­gen auf Mac­beth deu­te­ten auf Ed­wins Tod hin.13 So­fort gehen die Wel­len wie­der hoch, so dass sich schließ­lich der Her­aus­ge­ber des Di­cken­si­an, B.W.Matz, zu der Er­klä­rung ver­an­laßt sieht, nach einer «ab­schlie­ßen­den» Reihe von "Last Words on the Drood Mys­te­ry" werde es in sei­ner Zeit­schrift keine wei­te­ren Kom­men­ta­re mehr dazu geben.14

Es dau­ert je­doch nur knapp drei Jahre, dann er­scheint ein neues Buch, "About Edwin Drood", von dem re­nom­mier­ten Cam­bridge-Pro­fes­sor Henry Jack­son, der sich nach einer auf­merk­sa­men Lek­tü­re des Ro­mans gegen die Re­sur­rec­tio­nists aus­sprich­t15, und im sel­ben Jahr 1911 mel­det sich der an­ge­se­he­ne Autor G. K. Ches­ter­ton zu Wor­t16, wor­auf­hin die De­bat­te von neuem aus­bricht und schließ­lich auch wie­der auf die Sei­ten des "Di­cken­si­an" über­greift. Des­sen Her­ausgeber B. W. Matz heizt sie un­ge­wollt sogar noch an, indem er eine de­tail­lier­te Bi­blio­gra­phie aller bis­her er­schie­ne­nen Schrif­ten über das "Mys­te­ry of Edwin Drood" ver­öf­fent­licht, die be­reits 82 Titel zählt.17

Auch der schon er­wähn­te J. Cu­ming Wal­ters ver­sucht einen Schluss-Strich zu zie­hen: 1912 veröffent­licht er sein Buch "The Com­ple­te Mys­te­ry of Edwin Drood. The His­to­ry, Con­ti­nua­ti­ons, and So­lu­ti­ons (1870 bis 1912)", das den Text von Di­ckens mit Er­läu­te­run­gen sowie eine Dis­kus­si­on der Fort­schrei­bun­gen von Kerr, Mor­ford, James und Vase ent­hält. Doch an­statt die De­bat­te zu be­en­den, facht es sie auf seine Weise neu an. Cox no­tiert in sei­ner Bi­blio­gra­phie: «Das Buch war eine Gold­mi­ne für Droo­dis­ten im frü­hen zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert; das Ex­em­plar in der Brit­ish Li­b­ra­ry fällt buch­stäb­lich aus­ein­an­der.»

Wie in­ten­siv der Fall Edwin Drood die li­te­ra­ri­sche Öf­fent­lich­keit noch über 40 Jahre nach Er­schei­nen des Bu­ches be­schäf­tigt (man stel­le sich vor, es gäbe heute in der deutsch­spra­chi­gen Öf­fent­lich­keit eine so leb­haf­te De­bat­te über, sagen wir, Max Frischs Stil­ler), zeigt ein Er­eig­nis, das in der Li­te­ra­tur­ge­schich­te bei­spiel­los sein dürf­te: 1914 wird in Lon­don ein re­gel­rech­ter «öf­fent­li­cher Ge­richts­pro­zess» gegen John Jas­per ab­ge­hal­ten. Unter dem Vor­sitz von G. K. Ches­ter­ton als Rich­ter er­he­ben Wal­ters und Matz als Staats­an­wäl­te vor gro­ßem Pu­bli­kum An­kla­ge gegen John Jas­per wegen Mor­des an sei­nem Nef­fen Edwin Drood; als Zeu­gen auf­ge­ru­fen wer­den Durd­les, Cris­park­le und He­le­na Land­less, dann tre­ten die Ver­tei­di­ger Cecil Ches­ter­ton und Wal­ter Crotch auf, ver­wei­sen auf das Feh­len der Lei­che und zi­tie­ren ih­rer­seits als Zeu­gen die Prin­zes­sin Paf­fe­rin sowie vor allem Baz­zard, der aus­sagt, er sei Dat­che­ry ge­we­sen und habe Ed­wins Ring in die Kryp­ta ge­bracht, um Jas­per eine Falle zu stel­len, wor­auf­hin er von Wal­ters (der ja die He­le­na/Dat­che­ry-Theo­rie ver­tre­ten hatte) ins Kreuz­ver­hör ge­nom­men wird. Am Ende er­klärt G. B. Shaw als Ob­mann der Ge­schworenen über­ra­schend, diese hät­ten ihr Ur­teil schon im vor­aus ge­fällt: sie hät­ten zwar wegen Feh­lens der Lei­che «nicht schul­dig» ur­tei­len wol­len, aber in An­be­tracht der Kalt­blü­tig­keit Jas­pers laute ihr Ur­teil nun schul­dig des Tot­schlags. Die Anklage­vertreter pro­tes­tie­ren, und viele haben den Ein­druck, dass Shaw nicht für die Ge­samt­heit der Ge­schwo­re­nen spricht, aber Rich­ter Ches­ter­ton nimmt das Ur­teil an und er­klärt den Pro­zess für be­endet. Die Ver­hand­lung hat vier Stun­den und zwan­zig Mi­nu­ten ge­dau­ert. Das 79 Sei­ten star­ke Pro­to­koll er­scheint an­schlie­ßend im Druck bei Ch­ap­man and Hall.18 Noch heute wer­den im Di­ckens House Mu­se­um außer meh­re­ren Ko­pi­en des Pro­to­kolls auch Pla­ka­te, Ein­tritts­kar­ten, Zei­tungs­aus­schnit­te und an­de­re Me­mo­ra­bi­lia auf­be­wahrt.

So «ty­pisch bri­tisch» das Ganze an­mu­ten mag, hat es doch in­ter­na­tio­na­les Auf­se­hen er­regt und führt in Phil­adel­phia zu einer Wie­der­ho­lung des Pro­zes­ses (dies­mal mit einem ech­ten Rich­ter des Penn­syl­va­nia Su­pre­me Court und dem ech­ten At­tor­ney Ge­ne­ral of Penn­syl­va­nia sowie einem Kon­gress­ab­ge­ord­ne­ten als Ver­tei­di­ger), der sechs Stun­den dau­ert und mit einer "hung jury" elf zu eins für Frei­spruch endet.

Spä­tes­tens jetzt wird die De­bat­te zu einer regel­rechten Manie. 1914 er­scheint nicht nur eine neue, sehr me­lo­dra­ma­ti­sche Ver­voll­stän­di­gun­g19, son­dern auch eine erste Ver­fil­mung des Edwin Drood, außer­dem eine wei­te­re Mo­no­gra­phie, die sich insbeson­dere mit den Theo­ri­en über Dat­che­ry be­fasst und zu dem Schluss kommt, er sei über­haupt keine der schon be­kann­ten Per­so­nen des Ro­mans, son­dern ein von Grew­gious an­ge­heu­er­ter De­tek­tiv.20 Und die De­bat­te geht wei­ter, un­ge­ach­tet eines zwei­ten «Mo­ratoriums» über Drood-Kom­men­ta­re, das 1915 vom "Di­cken­si­an" ver­hängt wird...

Ich bre­che hier ab, um die Leser nicht mit wei­te­ren Ti­telauf­zäh­lun­gen zu lang­wei­len — die bemerkens­werte Re­zep­ti­ons­ge­schich­te des "Mys­te­ry of Edwin Drood" geht noch viele Jahr­zehn­te so wei­ter, wenn auch nicht immer mit glei­cher Hit­zig­keit, ja man kann sagen, sie dau­ert bis heute an, siehe vorliegen­des Buch. Zwi­schen 1915 und 1940 er­scheint beider­seits des At­lan­tik im Durch­schnitt alle paar Jahre eine neue Stu­die oder Fort­set­zung und Kom­plet­tie­rung (1925 sogar eine in Blank­ver­sen­21), ge­folgt oder beglei­tet von Ar­ti­kel­se­ri­en in di­ver­sen Zeit­schrif­ten, dazu immer wie­der eine Büh­nen­fas­sung, eine Ver­fil­mung oder auch eine Hör­spiel­be­ar­bei­tung. 1927 kommt es zu einer er­neu­ten Auf­re­gung, als be­kannt wird, dass Sir Ar­thur Conan Doyle, der geis­ti­ge Vater von Sher­lock Hol­mes und Prä­si­dent der Bri­ti­schen Ge­sellschaft für spi­ri­tis­ti­sche For­schun­gen, wäh­rend einer Se­an­ce in sei­nem Hause mit Di­ckens' Geist kom­mu­ni­ziert hat. Ge­fragt nach der Auf­lö­sung des "Mys­te­ry of Edwin Drood", habe der Geist ge­sagt, die 1873 pu­bli­zier­te «Spi­rit-Pen»-Lö­sung sei falsch ge­we­sen, und auf wei­te­res Drän­gen habe er ver­ra­ten, dass Edwin am Leben sei und von Cris­park­le ver­steckt werde. Im üb­ri­gen ver­ber­ge sich unter dem Gan­zen etwas, von dem er in­zwi­schen vor­zie­he, dass es nicht her­aus­kom­me... Er­neu­te Ar­ti­kel­se­rie im "Di­cken­si­an", bis des­sen Her­aus­ge­ber Wal­ter Dex­ter, wie be­reits 18 Jahre zuvor sein Vor­gän­ger Matz, zum drit­ten Mal of­fi­zi­ell er­klärt, es sei nun alles zum Thema ge­sagt und wei­te­re De­bat­ten­bei­trä­ge wür­den nicht mehr ge­druckt. Als de­fi­ni­ti­ven Schluss-Strich ver­öf­fent­licht er 1928/29 eine ak­tua­li­sier­te Bi­blio­gra­phie aller Droo­di­a­na, die an die Matz-Bi­blio­gra­phie von 1911 an­knüpft und ins­ge­samt 135 Titel auf­führt.22

Das In­ter­es­se bleibt den­noch wei­ter rege: In den drei­ßi­ger Jah­ren er­schei­nen zwei neue Fortschrei­bungen23, 1935 kommt eine Ver­fil­mung der Uni­ver­sal her­aus24, ein wei­te­rer «Ge­richts­pro­zess» wird in Mon­tre­al ab­ge­hal­ten, Di­ckens' Toch­ter Kate Pe­ru­gi­ni of­fen­bart Ein­zel­hei­ten über das Pri­vat­le­ben ihres Va­ter­s25, ins­be­son­de­re über seine kom­ple­xe Bezie­hung zu der Schau­spie­le­rin Ellen Law­less Tern­an, was zu Spe­ku­la­tio­nen über ein au­to­bio­gra­phi­sches Spie­gel­ver­hält­nis zwi­schen Di­ckens und Jas­per führt. Diese füh­ren schließ­lich dazu, dass der re­nom­mier­te ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Ed­mund Wil­son 1940 nach einer Reihe von Ar­ti­keln sei­nen Essay Di­ckens: "The Two Scroo­ges" ver­öf­fent­lich­t26, der laut Cox «spä­ter in vie­ler Hin­sicht als der ein­fluss­reichs­te Di­ckens-Es­say des 20. Jahr­hun­derts über­haupt er­scheinen soll­te». Wil­sons Kern­the­se: in Jas­per ver­berge sich ein chif­frier­tes Selbst­por­trät von Di­ckens, Jas­per sei eine ge­spal­te­ne Per­sön­lich­keit, die zwei ge­trennte Exis­ten­zen lebt, und er ver­fü­ge über hypno­tische Kräf­te, die er kal­ku­liert ein­set­ze, siehe die Sze­ne in Ka­pi­tel 7 (S. 106 f.), wo er Rosa am Kla­vier be­glei­tet und sie dabei so in­ten­siv an­sieht, dass sie in Ohn­macht fällt. Auch Di­ckens selbst habe eine Art Dop­pe­l­exis­tenz ge­lebt: Wie Jas­per sei­ner Persönlich­keitsspaltung zum Opfer falle, als die eine Hälf­te sei­nes Ichs sich selbst­zer­stö­re­risch gegen die an­de­re kehre, so habe auch Di­ckens ein selbst­zer­stö­re­ri­sches "secret life" ge­führt. In ge­wis­ser Weise könne daher das "Mys­te­ry of Edwin Drood" auch als ein Vor­läu­fer von Ste­vensons "Dr. Je­kyll and Mr. Hyde" be­trach­tet wer­den. — Mit die­ser In­ter­pre­ta­ti­on hat Wil­son den Blick, der bis­her vor­wie­gend auf die Frage des kriminalisti­schen Plots ge­rich­tet war, ent­schie­den auf den litera­rischen Wert des Ro­mans ge­lenkt.

Der Zwei­te Welt­krieg kann die Drood-De­bat­te nur vor­über­ge­hend un­ter­bre­chen: 1951 wird eine Ar­ti­kel­se­rie von Ri­chard M. Baker zu dem Band "The Drood Mur­der Case" zu­sam­men­ge­fasst27, der einen ähn­lich um­fas­sen­den Über­blick über die ganze bishe­rige Dis­kus­si­on gibt wie vier Jahr­zehn­te zuvor J. Cu­ming Wal­ters' "The Com­ple­te Mys­te­ry of Edwin Drood". Der Ein­fluss von Wil­sons In­ter­pre­ta­ti­on macht sich nun immer stär­ker be­merk­bar: Jas­per als ge­spal­te­ne Per­sön­lich­keit, von Di­ckens zu gleich­sam selbst­the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken er­fun­den, wird im­mer glaub­wür­di­ger.

Eine ganz neue, über­ra­schen­de Deu­tung legt je­doch 1964 der Schau­spie­ler und Thea­ter­his­to­ri­ker Sir Felix Ayl­mer, der sich seit fast 40 Jah­ren mit dem Edwin Drood be­schäf­tigt hat, in sei­nem Buch "The Drood Case" vor.28 Eben­falls be­ein­flusst von Wil­son, un­ter­sucht er die Psy­chostruk­tur Jas­pers und ver­gleicht sie mit der­je­ni­gen von Di­ckens, kommt aber auf der Ebene des Plots zu dem Schluss, dass Jas­per zu un­recht des Mor­des an Edwin ver­däch­tigt wurde. Das Ge­heim­nis müsse viel­mehr in einer komplizier­ten Fa­mi­li­en­ge­schich­te Hegen, wie sie bei Di­ckens ja häu­fig vor­kommt. Nach Ayl­mer ist Ed­wins Mör­der keine der Per­so­nen, die wir schon ken­nen. Es han­delt sich viel­mehr um einen re­li­giö­sen Fa­na­ti­ker, der aus dem Nahen Osten ge­kom­men ist, um Edwin nach mo­ham­me­da­ni­schem Brauch für eine schwe­re Be­lei­di­gung büßen zu las­sen, die Ed­wins Vater (der ja in Ägyp­ten ge­lebt hat, wie wir wis­sen) der islami­schen Re­li­gi­on an­ge­tan hatte... In einer Stu­die über Di­ckens' ver­lo­re­nes Ta­ge­buch, die 1959 unter dem Titel "Di­ckens In­co­gni­to" er­scheint, hat Ayl­mer seine psy­cho­lo­gi­schen Un­ter­su­chun­gen ver­tieft. Kurz­um, fast 100 Jahre nach dem Er­schei­nen des "Mys­te­ry of Edwin Drood" macht die im bes­ten Sinne kri­ti­sche wie «lie­ben­de» Lek­tü­re die­ses Bu­ches so­wohl auf biogra­phischem wie auf li­te­ra­ri­schem Feld noch immer be­mer­kens­wer­te Fort­schrit­te.

Nach­dem in den sieb­zi­ger Jah­ren zwei neue, text­kritisch durch­ge­se­he­ne und kom­men­tier­te Aus­ga­ben er­schie­nen sind, 1972 die Cla­ren­don-Edi­ti­on von Mar­ga­ret Card­well und 1974 die Pen­gu­in-Edi­ti­on von Ar­thur J. Cox, die bald zur po­pu­lärs­ten Aus­ga­be wird, ver­la­gert sich das In­ter­es­se der Kri­ti­ker in den acht­zi­ger Jah­ren mehr auf die li­te­ra­ri­schen Qualitä­ten des Ro­mans. 1980 er­schei­nen zwei ex­zel­len­te Fort­schrei­bun­gen, eine unter dem Pseud­onym «Char­les For­sy­te», hin­ter dem sich das Ehe­paar Mavis und Gor­don Philo ver­birgt, mit einem lan­gen Vor­wort, in dem frü­he­re Lö­sungs­vor­schlä­ge dis­ku­tiert wer­den und die ei­ge­ne Lö­sung be­grün­det wird, die mehr oder we­ni­ger Fors­ters Ver­si­on ist29, und fast gleich­zei­tig eine zwei­te von Leon Gar­field, die sich in­halt­lich eben­falls an Fors­ters Ver­si­on hält und stili­stisch so naht­los an Di­ckens' Text an­schließt, dass Erst­le­ser wo­mög­lich, so Cox, gar nicht mer­ken, wo Di­ckens auf­hört und Gar­field an­fängt.30

Zu al­le­dem er­scheint 1986 ein um­fang­rei­cher Leit­faden zum "Mys­te­ry of Edwin Drood", der auf über 200 Sei­ten in leicht­ver­ständ­li­cher Weise so gut wie alle im Buch vor­kom­men­den Rea­lia der Di­ckens-Zeit für heu­ti­ge Leser er­klärt — ein deut­li­ches Zei­chen für die nicht nach­las­sen­de Po­pu­la­ri­tät die­ses Ro­mans.31

Wie ist nun die­ses in­zwi­schen weit mehr als ein Jahr­hundert an­hal­ten­de In­ter­es­se an einem Frag­ment ge­bliebenen Kri­mi­nal­ro­man zu er­klä­ren, was ist das Ge­heim­nis die­ses Ge­heim­nis­ses? Die bloße Frage des kri­mi­na­lis­ti­schen Fal­les, des Plots und, ba­na­ler noch, des Who­du­nit kann es kaum sein, dafür gibt es seit 1870 zu viele an­de­re span­nen­de Kri­mi­nal­ro­ma­ne. Wer sich nur für das Wer war's in­ter­es­siert, wird an­ders­wo bes­ser be­dient und braucht sich nicht mit einem kompli­zierten, letzt­lich immer frus­trie­ren­den Puz­zle aus dem 19. Jahr­hun­dert ab­zu­quä­len; so etwas mag eine Zeit­lang in be­stimm­ten Krei­sen Mode sein, aber dann flaut es un­wei­ger­lich ab. Das immer wie­der aufflam­mende In­ter­es­se, der immer neue Reiz des Edwin Drood muss sei­nen Grund wo­an­ders haben. Und wo? Ich denke, es ist «ganz ein­fach» die li­te­ra­ri­sche Quali­tät die­ses Tex­tes, ge­nau­er: seine bei jedem neuen Leser von neuem funk­tio­nie­ren­de, wahr­haft über­wältigende An­zie­hungs­kraft. Mit bri­ti­schem Under­statement schreibt Angus Wil­son in sei­ner Ein­lei­tung zur Pen­gu­in-Aus­ga­be: «A half-fi­nis­hed book by a man of ge­ni­us is not so­me­thing which it is ea­sy­for cri­tics to as­sess», und viel­leicht ist da­mit­ja wirk­lich schon alles ge­sagt — vor­aus­ge­setzt, man gibt dem Be­griff «a man of ge­ni­us» sei­nen vol­len, nicht ba­na­li­sier­ten Sinn.

Ich möch­te hier aber auch das Zeug­nis eines nicht­bri­ti­schen, in an­gel­säch­si­schen Li­te­ra­tu­ren je­doch über­aus be­schla­ge­nen Le­sers-&-Kri­ti­kers an­führen, näm­lich den 1960 für den Rund­funk ge­schriebenen Di­ckens-Es­say von Arno Schmidt, über den man das­sel­be sagen könn­te, was Arno Schmidt in sei­ner Ma­nier über Di­ckens schreibt, näm­lich dass er «hin-rei-ßend» ist. Der aus­ge­fal­le­ne, mit kei­ner Er­klä­rung ver­se­he­ne Titel Tom all alone's. Be­richt vom Nicht-Mör­der32 ver­weist, scheint mir, auf den Ein­fluss von Ed­mund Wil­son — warum sonst soll­te Di­ckens ein «Nicht-Mör­der» sein? Die Art, wie hier ein sel­ber nicht eben un­be­deu­ten­der (und auch nicht ge­ra­de de­mü­ti­ger) Schrift­stel­ler über einen gro­ßen Kol­le­gen schreibt — «neid­los» kann man viel­leicht nicht sagen, aber ge­wiss vol­ler An­er­ken­nung, ja Be­wun­de­rung, um nicht zu sagen Ehr­furcht, und aus in­tims­ter Kennt­nis nicht nur sei­ner Schrif­ten, son­dern auch der Zeug­nis­se sei­ner Zeit­ge­nos­sen über ihn —, das ist schon ziem­lich bei­spiel­los. Wie kein zwei­ter ver­steht es Arno Schmidt, in ganz nüchter­ner, «un­pa­the­ti­scher» Weise, sogar durch­mischt mit Ele­men­ten einer ganz un­ehr­er­bie­ti­gen Kri­tik im De­tail, dem Leser vor Augen & Ohren zu füh­ren, was für ein man of ge­ni­us der Ro­man­au­tor Di­ckens war, was für ein, wie wir heute sagen wür­den, ech­tes Jahr­hun­dert­ge­nie. Nie­mand, der mit ihm in Berüh­rung kommt, kann sei­nem Char­me wi­der­ste­hen, man ist — wenn man für so etwas über­haupt einen Sinn hat — buch­stäb­lich ver­zau­bert. Und so müs­sen wohl alle, die sich ir­gend­wann ein­mal in das "Mys­te­ry of Edwin Drood" ver­tieft haben, davon ge­packt wor­den sein, so nach­hal­tig ge­packt, dass sie alles taten, um ihr Ge­packt­sein auch allen an­de­ren mit­zu­tei­len, die dar­aufhin wie­der­um ih­rer­seits...

Nur so kann ich mir die be­mer­kens­wer­te Ge­schichte die­ses Bu­ches er­klä­ren: als die Ge­schich­te eines un­ge­heu­ren, un­wi­der­steh­li­chen Rei­zes, aber nicht eines ober­fläch­li­chen Span­nungs­rei­zes — sonst müss­ten ja in die­sem Fall alle Leser frus­triert sein —, son­dern einer schwer zu de­fi­nie­ren­den Be­rüh­rung und Sti­mu­lie­rung viel tie­fe­rer Reiz­re­gio­nen. Denn die­ser schein­ba­re Kri­mi­nal­ro­man er­laubt sich ja über weite Stre­cken einen Ton, der ei­gent­lich gar nicht zur Gat­tung pas­sen will, aber mit sei­nen weiß Gott nicht bloß mo­disch-me­lan­cho­li­schen, son­dern dü­ster dro­hen­den oder cre­pus­co­la­ren Un­ter­tö­nen ge­radezu süch­tig ma­chen kann.

Mir je­den­falls ist es so er­gan­gen, denn zu die­sem Buch bin ich als Über­set­zer nicht etwa wil­lent­lich ge­kom­men, weder durch ei­ge­nen Wil­len noch durch den eines Ver­le­gers, son­dern gleich­sam «wie die Jung­frau zum Kind». Aber so­bald ich ein­mal mit dem Text in Be­rüh­rung ge­kom­men war, liess er mich nicht mehr los. Die Ge­schich­te ist durch­aus charak­teristisch für das Be­son­de­re am "Mys­te­ry of Edwin Drood", und da sie auch die Ent­ste­hung des vorliegen­den Bu­ches er­klärt, sei sie hier zum Ab­schluss er­zählt.

Als wei­te­res Ka­pi­tel in der lan­gen Reihe der Droo­di­a­na, dies­mal nicht aus der eng­lisch­spra­chi­gen Welt, wohl aber von er­le­se­nen Ken­nern der eng­li­schen Li­te­ra­tur (und der Li­te­ra­tur über­haupt), er­schien 1989 in Ita­li­en (und ein Jahr dar­auf in Ame­ri­ka, Eng­land, Frank­reich, Deutsch­land) eine sehr ori­gi­nel­le Prä­sen­ta­ti­on des Edwin Drood unter dem Titel "La ve­ri­tä sul caso D." mit der Au­to­ren­an­ga­be: Char­les Di­ckens, Carlo Frut­te­ro & Fran­co Lu­cen­ti­ni. Roman­haft er­zählt wird darin, wie auf einem «internationa­len Kon­gress zur Ver­voll­stän­di­gung un­voll­ende­ter Werke in Musik und Li­te­ra­tur» (bei dem es unter an­de­rem auch um Bachs Kunst der Fuge und Schu­berts Un­voll­ende­te geht), Ex­per­ten aus allen Län­dern und Zei­ten — näm­lich die gro­ßen De­tek­ti­ve und Er­mitt­ler der Welt­li­te­ra­tur, von Au­gus­te Dupin, Sher­lock Hol­mes, Her­cu­le Poirot, über Pater Brown, Jules Maig­ret, Nero Wolfe, Phi­lip Mar­lo­we bis zu Col­lins' Ser­geant Cuff und Di­ckens' ei­ge­nem In­spek­tor Bü­cket aus Bleak­hou­se — sich über Di­ckens' letz­ten Roman beu­gen, um an­hand der In­di­zi­en im Text mit eben­so kri­mi­na­lis­ti­scher wie phi­lo­lo­gi­scher Akri­bie die Lö­sung des Rät­sels zu er­grün­den. Zu die­sem Zweck lesen sie den «gan­zen» Roman, so­weit vor­handen, und der Leser liest mit ihnen (in einer sehr schö­nen und ge­nau­en ita­lie­ni­schen Über­set­zung) por­tio­nen­wei­se die Ka­pi­tel des MED, wie der Titel prak­ti­scher­wei­se immer ab­ge­kürzt wird, unter­brochen von den Kom­men­ta­ren und Dis­kus­sio­nen der Kon­gress­teil­neh­mer — die bei der Ge­le­gen­heit die wich­tigs­ten Lö­sungs­vor­schlä­ge ihrer Vor­gän­ger dis­ku­tie­ren und am Ende sogar zu einer ganz neuen, höchst ori­gi­nel­len Lö­sung des Fal­les ge­lan­gen, die hier aber nicht ver­ra­ten wird... Auf diese Weise ist es dem Au­to­ren­duo Frut­te­ro & Lu­cen­ti­ni ge­lun­gen, das un­voll­ende­te MED un­voll­endet zu las­sen, ihm aber eine Art nar­ra­ti­ven Rah­men zu geben, der es auf seine Weise «ver­voll­stän­digt».

Und wie es Ge­ne­ra­tio­nen von Le­sern vor mir er­ging, so ist es auch mir er­gan­gen: Kaum war ich mit dem MED in Be­rüh­rung ge­kom­men, wurde ich in sei­nen un­wi­der­steh­li­chen Sog ge­ris­sen — was bei li­te­ra­ri­schen Über­set­zern meis­tens zur Folge hat, dass sie, viel­leicht um sich davor zu ret­ten, das Buch un­be­dingt selbst über­set­zen wol­len. So ent­schloss ich mich, nicht eine der alten deut­schen Über­set­zun­gen zu be­ar­bei­ten, son­dern selbst eine neue anzuferti­gen. Diese hat dann ih­rer­seits, als sie im Rah­men der Prä­sen­ta­ti­on von Frut­te­ro & Lu­cen­ti­ni her­aus­kam (in dem sie al­ler­dings auch recht gut ver­steckt blieb)33, die Di­cken­sia­ne­rin Ul­ri­ke Le­on­hardt ange­regt, ihre ei­ge­ne Fort­set­zung und Ver­voll­stän­di­gung des Edwin Drood zu schrei­ben. Womit sich schließ­lich die Chan­ce ergab, meine Über­set­zung in noch­mals gründ­lich über­ar­bei­te­ter Fas­sung zu­sam­men mit ihrem Part Se­cond ganz neu als ei­gen­stän­di­ges Buch zu ver­öf­fent­li­chen. Auf dass die bemerkens­werte Ge­schich­te die­ses Bu­ches — die si­cher­lich wei­tergeht — nun auch um einen Bei­trag "made in Ger­ma­ny" be­rei­chert werde. Viel­leicht wird er ja eines Tages in die Spra­che des Ori­gi­nals über­setzt. In jedem Fall be­nei­de ich den Leser, der die Lek­tü­re noch vor sich hat, um die Be­geg­nung mit die­sem li­te­ra­ri­schen Oop­chum.


    1. Don R. Cox, "Char­les Di­ckens's The Mys­te­ry of Edwin Drood'. An An­no­ta­ted Bi­blio­gra­phy", AMS Press, New York, 1998.
    2. T. C. De Leon, "Edwin Drood, His Mys­te­ry, Its So­lu­ti­on", Bal­ti­more, 1870.
    3. "The Mys­te­ry of Edwin Drood Com­ple­te. Part Se­cond of The Mys­te­ry of Edwin Drood. By the Spi­rit-Pen of Char­les Di­ckens, Through a Me­di­um", Bratt­le­bo­ro, Ver­mont, 1873.
    4. Or­pheus C. Kerr (= R. N. Ne­well), "The Mys­te­ry of Mr. E. Drood". An Ad­ap­ti­on, New York, Pun­chi­nel­lo, Ju­ni-No­vem­ber 1870; spä­ter als Buch unter dem Titel "The Cloven Foot: Being An Adap­tion of the English Novel The Mys­te­ry of Edwin Drood' (By Char­les Di­ckens) to Ame­ri­can Sce­nes, Cha­rac­ters, Cust­oms, and No­men­cla­tu­re", New York und Lon­don 1870.
    5. "John Jas­pers Secret. Being a Nar­ra­ti­ve of Cer­tain Events Fol­lowing and Ex­plai­ning "The Mys­te­ry of Edwin Drood", New York, Frank Les­lie's Il­lus­tra­ted News­pa­per, April-Sep­tem­ber 1871.
    6. "Le Crime de Jas­per", 2 Bde., Paris 1878.
    7. Gil­lan Vase (= Eliz­a­beth Pal­mer Pacht New­ton), "A Great Mys­te­ry Sol­ved. Being a Se­quel to the Mys­te­ry of Edwin Drood", 3 Bde., Lon­don 1878.
    8. Ge­or­gie Shel­don (= Sara Eliz­a­beth For­bush Downs), "The Wel­fleet Mys­te­ry" (An Out­grow­th of Di­ckens's Last Work)", Lon­don, The Weekly Bud­get, Fe­bru­ar-Ju­li 1885.
    9. Char­les Di­ckens Jr. und Tho­mas Hat­ton, "The Mys­te­ry of Edwin Drood. A Drama in Four Acts". Lon­don 1880.
    10. John Fors­ter, "The Life of Char­les Di­ckens", Lon­don 1873-74 Bd. 2, «Last Book», S. 424-39.
    11. Ri­chard A. Proc­tor, "Wat­ched by the Dead: A Lo­ving Study of Di­ckens' Half-Told Tale", Lon­don 1887.
    12. The Times Li­tera­ry Sup­ple­ment, 3. Nov. 1905.
    13. Edwin Char­les (= Char­les E. Grigs­by), "Keys to the Drood Mys­te­ry", Lon­don 1908.
    14. "The Di­cken­si­an", 4 (1908), S. 98-104.
    15. Henry Jack­son, "About Edwin Drood", Cam­bridge Univ. Press 1911.
    16. In sei­ner Ein­lei­tung zur Ever­y­man-Edi­ti­on des" Mys­te­ry of Ed­win Drood."
    17. "The Di­cken­si­an", 7 (1911), S. 130-33.
    18. "The Trial of John Jas­per, Lay Pre­cen­tor of Clois­ter­ham Ca­the­dral in the Coun­ty of Kent, for the Mur­der of Edwin Drood, En­gi­neer. Ver­ba­tim Re­port of the Pro­cee­dings from the Short­hand Notes" of J. W. T. Ley, Lon­don 1914.
    19. "The Mys­te­ry of Edwin Drood. Com­ple­ted in 1914 by W. E. C." (Wal­ter E. Crisp), Lon­don 1914.
    20. Mon­ta­gue Saun­ders, "The Mys­te­ry in the Drood Fa­mi­ly", Cam­bridge Univ. Press 1914.
    21. H. R. Lea­ver; "The Mys­te­ry of John Jas­per: A Re­tel­ling of the Mys­te­ry of Edwin Drood in Verse", Ed­mon­ton, Al­ber­ta, 1925.
    22. "The Di­cken­si­an", 24 (1928), S. 236, 301-2; 25 (1929), S. 42-44, 185-87.
    23. Edwin Har­ris, "John Jas­pers Gate­hou­se", Ro­ches­ter 1931; Bruce Grae­me (= Gra­ham Mon­ta­gue Jef­fries), "Epi­lo­gue", Lon­don, Hut­chin­son, 1933.
    24. "The Mys­te­ry of Edwin Drood", Regie: Stuart Wal­ker, Buch: John Bal­ders­ton und Gla­dys Unger, mit Clau­de Rains als Jas­per.
    25. In einer Bio­gra­phie über sie von Gla­dys Storey, Di­ckens and Daugh­ter, Lon­don 1939, S. 130,134 f.
    26. Zu­erst in The New Re­pu­blic, 102 (März 1940), dann überarbei­tet in dem Es­say­band "The Wound and the Bow", Cam­b­ri­ge, Mass., 1941.
    27. Ri­chard M. Baker, "The Drood Mur­der Case"; Five Stu­dies in Di­ckens's Edwin Drood", Ber­ke­ley, Univ. of Ca­li­for­nia Press, 1951.
    28. Felix Ayl­mer, "The Drood Case", Lon­don 1964.
    29. Char­les For­sy­te (= Mavis and Gor­don Philo), "The De­co­ding of Edwin Drood", Lon­don 1980.
    30. Leon Gar­field, "The Mys­te­ry of Edwin Drood", New York und Lon­don 1980.
    31. Wendy S.Jacobson, "The Com­pa­ni­on to "The Mys­te­ry of Edwin Drood", Lon­don 1986.
    32. In: Arno Schmidt, "Der Tri­ton mit dem Son­nen­schirm". Großbritan­nische Ge­müts­er­get­zun­gen, Karls­ru­he 1969, Nach­druck Frank­furt 1985, S. 100-152.
    33. Carlo Frut­te­ro & Fran­co Lu­cen­ti­ni, Char­les Di­ckens, "Die Wahr­heit über den Fall. D.", Mün­chen 1991.