Nicoletta Kindermann: Das Geheimnis des Edwin Drood. Fassung Theater Augsburg jtt

Prolog

Bild 1. Cloisterham/Kathedrale

Bild 2. Romanbild

Bild 3. Edwin Drood und Rosa Bud sind miteinander verlobt. Es war der letzte Wille ihrer Eltern. Eddy nennt sie gerne Pussy!

Bild 4. Der Kantor John Jasper, Edwins Onkel und sein Vormund, hegt eine große Leidenschaft für Rosa. Edwin ahnt davon nichts.

Bild 5. Durdles, der Steinmetz, fast immer in Gefolgschaft von Vize, bekommt vom Bürgermeister Mr Sapsea den Auftrag, eine Inschrift auf das Grabmal seiner verstorbenen Frau zu setzen. Mr Grewgious als der stille Beobachter, ist Rosas Vormund. John Jasper nutzt diese Gelegenheit um eine Verabredung mit Durdels zu treffen. Er möchte gerne mehr über die Gräber und Grüften erfahren, in denen Durdles sich herumtreibt.

Bild 6. Als die indischen Zwillinge Helena und Neville Landless zum Reverent Crisparkle und seiner Mutter geschickt werden um ihre lückenhafte Erziehung auf zu bessern, laden die Crisparkles auch noch Edwin und Rosa, sowie die Schulleiterin der Mädchenschule Nonnenhaus. Mrs Twinkleton und ihre Vertraute Mrs Tope zu einem musikalischen Abend mit John Jasper ein. Mr Neville wird beim Reverent Crisparkle untergebracht und Ms Helena im Nonnenhaus,

Bild 7. Später an diesem Abend kommt es zum Streit zwischen Mr Edwin und Mr Neville,

Bild 8. Den Mr Crisparkle bald beigelegt wissen möchte. Er bittet Mr Neville, sich bei Mr Edwin zu entschuldigen. Mrs Helena unterstützt diesen Vorschlag.

Bild 9. Und dann sind da noch die Schülerinnen des Nonnenhauses, allesamt mit Rosa befreundet. Die zukünftigen Frauen und Mütter Englands... ein schwatzhaftes Völkchen.

Szene 1

Jack liegt auf der Mitte der Bühne.

Opiumprinzessin/Mikro
Noch eine? Willste noch eine? Ganze fünfe hast du geraucht, seit du um Mitternacht reingekommen bist. Mir tut der Kopf so weh! Ach, ich Arme/ das Geschäft läuft so mies, so mies. Hier ist noch eine für dich, Süßer. Wirst doch dran denken, nicht wahr? Bist doch 'ne treue Seele, der Marktpreis ist im Moment ziemlich hoch. Mehr als drei Schilling und six Pence für'n Fingerhut voll! Und du wirst auch nicht vergessen, dass niemand außer mir das Geheimnis der richtigen Mischung kennt. Wirst doch entsprechend zahlen, nich wahr, Süßer? ... Ach, meine armen Nerven! Sechzehn Jahre hab ich gesoffen wie'n Loch, bevor ich das hier genommen hab, aber schaden tuts mir nich, nich die Bohne! Und den Hunger vertreibst genauso wie die Flausen, Süßer.

Kirchenglocken in der Bühne.

Szene 2

Auftritt Gottesdienstbesucher aus dem Papier

Millicent (L)
Aus triftigen Gründen, die sich im Laufe Erzählung von selbst ergeben werden, müssen wir der kleinen Stadt mit der alten Kathedrale einen fiktiven Namen geben. Cloisterham.

Mabel (D)
Cloisterham! Ein verschlafener Ort.

Mildred (A)
Still, eintönig, erfüllt von einem erdigen Geruch aus der Kathedralengruft.

Mabel (D)
Cloisterham. Ein Städtchen aus vergangenen Zeiten.

Millicent (L)
Mit Heiserer Kathedralenglocke, heiseren Krähen, die um den Kathedralenturm kreisen -- und noch heiseren Krähen auf den Bänken tief darunter.

Sie setzen sich zu Rosa und tuscheln.

Mr Crisparkle
„Wenn aber der Gottlose sich abwendet von seiner Gottlosigkeit, die er begangen hat, und Recht und Gerechtigkeit übt, so wird er seine Seele am Leben erhalten" (Hesekiel 18, Vers 27) Innigst geliebte Brüder und Schwestern, die Heilige Schrift hat uns bewegt. Sie hat uns aufgerüttelt, uns unsere mannigfaltigen Sünden und Laster einzugestehen; und sie demütig, reumütig und ergeben -- ehrlichen Herzens zu beichten; so, dass wir von ihm Vergebung empfangen dürfen durch seine unendlichen Güte und Gnade. Darum bete ich nun und ersuche euch, euch alle, die hier anwesend sind, sich mir anzuschließen.

Alle falten die Hände.

Mr Crisparkle
Allmächtiger und gnädiger Vater. Wir haben viele Fehler begangen, sind auf Abwege geraten wie verloren Schafe. Wir haben uns viel zu sehr an unseren eigenen Sehnsüchten und Begehren orientiert und uns gegen deine heiligen Gebote vergangen. Schulmädchen tuscheln Mrs Twinkleton schaut böse zu ihnen rüber, räuspert sich.

Mrs Twinkleton
Vergib denjenigen unter uns, die nicht wissen, wie sie sich zu benehmen haben.

Millicent (L)
Vergib denjenigen, die einem immer allen Spaß verderben müssen.

Mrs Twinkleton
Vergib denjenigen, die zu schnell reden und sich keine Gedanken machen...

Millicent (L)
Oh ja, vergib ihnen bitte!

Rosa
Vergib denjenigen, die in ihrem letzten Aufsatz geschrieben haben, dass Ludwig XVI mit der Gelatine hingerichtet wurde...

Mildred (A)
... und vergib denjenigen, die schrecklich Klavier spielen, weil sie zu faul zum Üben sind!

Mrs Tope
... und vergib ihren Klavierlehrern, die sich Bilder von ihren hübschen Klavierschülerinnen aufhängen.

Mr Sapsea
Vergib denjenigen, die das Gebet missbrauchen, um Privatgespräche zu untereinander zu führen. Denn wie ich immer zu sagen pflege...

Alle (außer Sapsea und Crisparkle)
Vergib denjenigen, die sich ständig einmischen. Nur weil sie sich gerne reden hören.

Durdles
Vergib...

Mr Crisparkle
AMEN! Lasset uns singen! Mr Jasper? Mr Jasper?

Mr Jasper
Was? Oh, ja. Lied, 341 „Nun freut euch liebe Christen g'mein"

Mr Crisparkle
Der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, sei mit uns immerdar. Amen.

Glockenläuten. Jack stürzt davon. Bleibt rechts neben der „Kirche" stehen. Die Schulmädchen und Rosa gehen auf den Papierberg zum Mikrophon.

Mr Sapsea
Mr Jasper war heute aber schnell weg.

Rosa
Nimmt man einen Esel als Sinnbild für selbstgefällige Dummheit und Eitelkeit, so ist der reinste Esel in Cloisterham Mr Thomas Sapsea, Auktionator und seit kurzem Bürgermeister. Reich, unverzichtbar, beliebt-besonders bei sich selbst.

Mrs Tope
Ihm ist nicht ganz gut gegangen.

Mrs Twinkleton
Gegangen, Phff-Gewesen. Es heißt „gewesen".

Rosa
Mrs Twinkleton, unsere Direktorin, gute Vorleserin, lässt aber aufregende Stellen weg und schiebt Passagen zum Lob des weiblichen Zölibats ein. Es heißt nachts macht sie sich die Locken zurecht, wird eine munterere Mrs Twinkleton und ein närrischer Mr Porter... hihi, die eher intimen Skandale von Cloisterham...

Mr Sapsea
Und wann und wieso ist ihm nicht gut...?

Mrs Tope
...gewesen, Sir?

Mildred (A)
Mrs Tope. Führt den Haushalt bei Mr Jasper und ist Mrs Twinkletons Vertraute. Sie vermietet Zimmer -- die will aber außer Mr Jasper niemand mieten, weil sie düster und feucht sind.

Mr Sapsea
Nun, Mrs Tope?

Mrs Tope
Nun, Sir, als. Mr Jasper aus London zurückkam, war er so aus der Puste...

Mrs Twinkleton
Ich würde nicht „aus der Puste" sagen, Mrs Tope. So redet man doch nicht mit dem Bürgermeister! „Außer Atem" würde sich besser anhören.

Mrs Tope
Mr Jasper war so kurzatmig, dass es ihm mächtig schwergefallen ist, seine Töne rauszubringen. Sein Gedächtnis war getrübt.

Millicent (L)
Mr John Jasper, der Chorleiter und Musiklehrer. Schöne Stimme, schönes Gesicht, aber düsteres Wesen -- Vielleicht auch, weil sein Zimmer so düster ist.

Mr Sapsea
Getrübt?

Mrs Tope
Und eine Schwummrigkeit und Mattigkeit ist auf einmal über ihn gekommen, wie ich sie noch nie gesehen habe... -- und dabei schien's ihm selber gar nicht so viel aus zu machen.

Mr Crisparkle
Und jetzt ist Mr Jasper wieder ganz normal nach Hause gegangen?

Mrs Tope
Jawohl, Mr Crisparkle, jetzt ist er wieder ganz normal nach Hause gegangen.

Mr Crisparkle
Ist sein Neffe bei Ihm?

Mrs Tope
Nein, Mr Crisparkle, wird aber erwartet.

Mr Crisparkle
Ich schaue, ehe ich heimgehe, auf einen Sprung bei ihm vorbei.

Millicent (L)
Mr Crisparkle, vor kurzem noch Erzieher gewesen und dann, Von einem Gönner, aus Dank für die gelungene Erziehung seines Sohnes, in seine jetzige christliche Stellung befördert. Frühaufsteher, klassisch gebildet, gutmütig, genügsam und jungenhaft.

Mr Crisparkle geht singend/das vorher gesungene Lied summend ab zu Mr Jasper, seine Mutter folgt ihm erst, geht dann aber Heim.

Mabel (D)
Mrs Crisparkle. Seine Mutter. Alte Dame, junggeblieben, freundliches Gesicht, keine Brille. Und stolz darauf. Sehr stolz. Sie sieht aus wie eine Porzellanschäferin.

Millicent (L)
Da, Durdles, der Steinmetz, hauptsächlich für Grabsteine. Stadtbekannt als ausgezeichneter Arbeiter -- was keiner bestreiten, aber auch niemand bestätigen kann da er nie arbeitet und als ausgezeichneter Säufer was jeder bestätigen kann.

Stein fliegt

Vize
Widdy widdy wumm, Gleich haut der Stein dich um.

Mabel (D)
Vize. Vize bewirft alles und jeden mit Steinen.

Vize
Lüge!!

Mabel (D)
Seinen echten Namen kennt keiner. So kann ihn schon mal keiner bei der Polizei anzeigen.

Vize streckt ihnen die Zunge raus und geht ab. Opiumfrau tritt auf, torkelt über die Bühne verschwindet wieder Rosa geht runter vom Papierhaufen, schaut nach Fremder Person.

Mabel (D)
Also, wer das war, kann ich ihnen leider nicht sagen. Die haben wir noch nie gesehen.

Millicent (L)
Ich glaube ja, Mr Jasper besucht sie immer in London.

Mrs Twinkleton
Mädchen!

Jasper
Rosa Bud. Rosebud, also Rosenknospe, genannt. Das Nesthäkchen unserer Schule. Hübsch, naiv , Vollwaisin und durch letztwillige Verfügung ihres verstorbenen Vaters mit meinem Neffen verlobt.

Geht zur ihr, sie rennt weg, er bleibt stehen

Szene 3

Bei Mr Jasper zu Hause

Mr Crisparkle
Höre zu meinem Leidwesen von Mrs Tope, sie hätten sich nicht ganz wohl gefühlt, Jasper.

Jack
Och, das war nichts, nicht der Rede wert. Mrs Tope hat sicher wieder fürchterlich übertrieben.

Mr Crisparkle
Es freute mich zu hören, dass Sie den jungen Drood erwarten.

Jack
Ich erwarte den lieben Jungen jeden Moment.

Mr Crisparkle
Ach ja? Er wird Ihnen besser tun als ein Arzt, Jasper:

Jack
Besser als ein Dutzend Ärzte.

Mr Crisparkle
Wir werden Sie heute Abend beim „Musikalischen Mittwoch" vermissen, aber zweifellos tun Sie besser daran, zu Hause zu bleiben. Gute Nacht, Gott behüte Sie!

Geht ab, trifft dabei Edwin, begrüßt ihn, geht weiter.

Jack
Mein lieber Edwin!

Edwin
Mein lieber Jack! Wie schön, dich wieder zu sehen! He, hör mal, Jack -- hat etwa heute jemand Geburtstag?

Jack
Du nicht, das weiß ich.

Edwin
Nein, ich nicht, das weiß ich selber. Pussy hat Geburtstag, Jack! Wir müssen auf ihr Wohl anstoßen, Mein Gott, da ist ja Mrs Tope! Und hübscher denn jeh!

Mrs Tope
Lassens Sie's nur gut sein, Master Edwin. Ich kann schon selber ganz gut auf mich aufpassen.

Edwin
Können Sie nicht. Sie sind viel zu hübsch. Geben Sie mir einen Kuss, weil Pussy heute Geburtstag hat.

Mrs Tope
Ich würd Ihnen schon was pusseln, junger Mann, wenn ich Pussy wäre, wie Sie das Mädel nennen. Ihr Onkel verwöhnt Sie zu sehr! Ich meine, er ist so sehr in Sie vernarrt, dass Sie glauben, Sie brauchen bloß zu pfeifen, und die Pussys kommen gleich dutzendweise!

Jack
Gepriesen sei der Name des Herrn für die Gaben, die wir empfangen haben!

Edwin
Halt Jack! Nicht trinken!

Jack
Warum nicht?

Edwin
Das fragst du noch, wenn Pussy heute Geburtstag hat und wir noch nicht auf sie angestoßen haben?! Auf Pussy, Jack, und noch recht viele davon-Geburtstage, meine ich. So, Jack, und jetzt lass uns ein bisschen über Pussy plaudern. Mal ganz ehrlich... ist es nicht letzten Endes... Ist es nicht unbefriedigend, in einer solchen Frage keine Wahl zu haben? Weißt du, Jack, ich sage dir, wenn ich wählen könnte -- von allen hübschen Mädchen in der Welt würde ich Pussy wählen.

Jack
Aber du kannst eben nicht wählen.

Edwin
Warum mussten bloß mein Vater selig und Pussys Vater selig uns beide unbedingt füreinander bestimmen?

Jack
Ned!

Edwin
Ach Jack, du hast gut reden Du kannst die Sache leicht nehmen. Dir ist das Leben nicht bis ins Kleinste vorgeschrieben.

Jack
Sprich nur weiter.

Edwin
Habe ich irgendwie deine Gefühle verletzt, Jack? Mein Gott Jack, du siehst ja ganz krank aus! Als hätte sich plötzlich ein Schleier über deine Augen gelegt.

Jack
Ich habe Opium genommen, gegen einen Schmerz, der mich zuweilen überfällt. Du wolltest doch vorhin was sagen -- als ich dich unfreiwillig unterbrach -- wie ruhig das Leben sei, dass ich hier führe.

Edwin
Dein hohes Ansehen als Chorleiter, wie du in der hiesigen Kathedrale geschätzt wirst, auch was für ein begabter Lehrer du bist -- denk nur, sogar Pussy sagt, sie hätte noch nie so einen Lehrer wie dich gehabt!

Jack
Ja, mir war schon klar worauf du hinaus wolltest. Ich hasse das alles. Mein lieber Ned, ich muss mich in meinen Beruf schicken -- jetzt ist es zu spät, mir noch einen anderen zu suchen. Aber das bleibt bitte unter uns.

Edwin
Ja, lieber Jack.

Jack
Und du wirst es nicht vergessen?

Edwin
Sehe ich so aus, als ob ich das vergessen würde?

Jack
Dann nimm's als eine Warnung.

Edwin
Jack, ich bin in einer ganz anderen Lage. In ein paar Monaten werde ich Pussy von der Schule abholen und als Mrs Edwin Drood heimführen. Ich werde als Ingenieur in den Orient gehen, und sie wird mitkommen. Auch wenn wir uns manchmal streiten, habe ich doch keinen Zweifel daran, dass wir prächtig miteinander auskommen werden.

Jack
Du willst also nicht gewarnt sein?

Edwin
Nein Jack, nicht von dir. Ich mag es auch nicht, wenn du dich so aufspielst.

Jack
Wollen wir einen Spaziergang auf den Friedhof machen?

Edwin
Ja, sehr gern. Hättest du was dagegen, wenn ich kurz beim Nonnenhaus vorbeispringe und ein Päckchen abgebe? Bloß Handschuhe für Pussy, so viele Paare wie sie heute alt wird. Ist doch poetisch, was, Jack?

Sie gehen, Edwin zum Nonnenhaus, Jack zu Mr Sapsea.

Szene 4

Nonnenhaus

Mikro/Millicent (L)
Mr Edwin Drood wartet in Mrs Twinkletons privatem Empfangszimmer, einem geschmackvoll möblierten Raum, in welchem nichts direkt an die Schule erinnert, außer einem Erd- und einem Himmelsglobus. Diese imposanten Geräte sollen den Eindruck erwecken, dass Miss Twinkleton, selbst wenn sie sich in ihre privaten Gemächer zurückzieht, jeden Moment von der Pflicht gedrängt werden kann rastlos auf der Suche nach Wissensstoff für ihre Schüler zu sein.

Mrs Tope
Mr Edwin Drood wünscht Miss Rosa zu sehen.

Mikro/Mabel (D)
Nie gerät das Nonnenhaus so in Aufruhr, wie wenn dieser testamentarisch bestimmte Gatte die kleine Rosenknospe zu sehen wünscht.

Mikro/Milrded (A)
Er hat einen gesetzlichen Anspruch auf dieses Privileg, wollte Mrs Twinkleton das bestreiten, würde sie auf der Stelle verhaftet und abgeführt.

Miss Twinkleton
Du kannst hinunter gehen, mein Kind.

Rosa
Nicht, Eddy.

Edwin
Was nicht, Rosa?

Rosa
Nicht näher kommen, bitte. Es ist so absurd!

Edwin
Was ist so absurd, Rosa?

Rosa
Alles, die ganze Geschichte. Es ist absurd eine verlobte Waise zu sein und es ist so absurd Besuch zu bekommen.

Edwin
Du bereitest mir ja einen reizenden Empfang, Pussy, ich muss schon sagen! Soll ich wieder gehen?

Rosa
Nein, geh lieber noch nicht Eddy, die Mädchen würden sonst alle fragen, warum du gegangen bist.

Edwin
Freust du dich überhaupt ein bisschen, mich zu sehen, Pussy?

Rosa
Aber ja, ich freue mich riesig. Setz dich doch. Da kommt Mrs Twinkleton.

Mikro/Millicent (L)
Es ist eine Angewohnheit dieser trefflichen Dame, bei solchen Besuchen alle drei Minuten aufzukreuzen, sei's in eigener Person oder in derjenigen von Miss Tope, um ein Opfer auf dem Altar der Schicklichkeit darzubringen, indem sie irgendetwas zu suchen vorgibt.

Rosa
Danke für die Handschuhe, Eddy. Sie gefallen mir sehr. Sie sind ganz süß.

Edwin
Nun, das ist ja mal wenigstens etwas. Man muss ja schon für die kleinste Ermutigung dankbar sein. Vielleicht sollten wir es lieber lassen, Rosa? (Sie schüttelt den Kopf) Soll das heißen, Pussy, dass wir uns beide dreinschicken müssen? (Sie nickt)

Rosa
Du weißt, dass wir heiraten müssen, Eddy, und zwar in diesem Haus hier, sonst sind die Mädchen schrecklich enttäuscht.

Edwin
Soll ich dich zu einem kleinen Spaziergang ausführen, liebe Rosa?

Rosa
Oh ja, Eddy. Lass uns einen Spaziergang machen!

Edwin
Wo wollen wir hingehen, Rosa?

Rosa
Ich möchte zu dem Lokum-Laden.

Edwin
Zu dem ...?

Rosa
Lokum-Klumpen, ein türkisches Zuckerwerk.... Mein Gott Eddy, was weißt du denn überhaupt? Nennst dich Ingenieur und kennst das nicht?

Edwin
Wieso, woher soll ich das denn kennen, Rosa?

Rosa
Na, von mir, weil ich ganz wild darauf bin!

Beide verschwinden

Szene 5

Bei Mr Sapsea zu Hause

Sapsea
Das Wesen meiner Frau war zutiefst von der Liebe zum Geist durchdrungen. Sie verehrte den Geist grade zu, wenn er darauf bestrebt war, sich eine umfassende Kenntnis von der Welt zu erwerben. Doch nie fand sie die Worte, die ihrer, vielleicht allzu großen Hochschätzung meines Intellekts zu genügen vermochten. Bis ganz zuletzt ihre Leber versagte sprach sie mich stets in derselben unvollendeten Weise an.

Jack
Ah... (men)

Sapsea
Seither bin ich ein einsamer Leidtragender, seither bin ich einer, der, wie ich immer sage, seine Abendunterhaltung an die leere Luft verschwendet. Es hat Zeiten gegeben, da habe ich mich gefragt, was wäre gewesen, wenn sie nicht immer zu mir aufsehen hätte müssen? Dann hätte sich das vielleicht positiv auf ihre Leber ausgewirkt.

Jack
Es hat vermutlich genau so kommen müssen, Sir.

Sapsea
Wir können es nur vermuten. Wie ich immer sage, der Mensch denkt, Gott lenkt.

Jack
Hmmm ...

Sapsea
Und nun, Mr Jasper, lassen Sie mich Ihre Meinung hören, als Mann von Geschmack, über die Inschrift, die ich für ihr Grabmal ersonnen habe. Der Zeilenfall muss mit den Augen verfolgt werden, so wie der Inhalt mit dem Geist.

Ethelinda 
Ehrfürchtige Gemahlin des 
Mr Thomas Sapsea, 
Auktionator, Taxator, Makler etc. 
Hieselbst in dieser Stadt, 
Der bei aller Kenntnis der Welt, 
So umfassend sie war, 
Nie fand er einen Geist 
Der verständiger zu ihm emporblicken konnte. 
Fremdling halt inne! 
Und Frage dich: 
Kannst du ein gleiches tun? 
Wo nicht, weiche beschämt von hinnen.

Durdels klopft. Sapsea gießt ihm Wein ein, er erscheint.

Jack
Wunderbar! Treffend, charakteristisch, vollkommen.

Sapsea gibt Durdles das Papier

Durdles
Is für das Grabmonümang, stimmt's Mr Sapsea?

Sapsea
Die Inschrift, jawohl.

Durdles
Kommt auf'n Achtelzoll hin. Soll ich das gleich in Arbeit nehmen, Mr Sapsea?

Sapsea
Es kann gar nicht schnell genug fertig werden!

Durdles
Dann wär's besser, Sie geben mir den Schlüssel.

Sapsea
Wieso, das soll doch nicht innen in das Monument!

Durdles
Durdles weiß schon, wo das hin soll, niemand weiß das besser als er. Fragen Sie hier in Cloisterham, wen Sie wollen, ob Durdles sein Handwerk versteht.

Öffnet die Jacke, will Schlüssel in Innentaschen verstauen

Jack
He, Durdles, sie sind ja ganz übersäht mit Taschen!

Durdles
Durdles behält meistens die Schlüssel zu seinen Werken. Nicht, dass sie viel benutzt würden...

Jack
Sie werden doch manchmal Stony Durdles genannt, nicht wahr?

Durdles
Cloisterham kennt mich als Durdles, Mr Jasper.

Durdles verlässt wortlos den Raum.

Mrs Tope/Mikro
Da Mr Sapseas Weisheit, wenn er sie an die Sterblichen austeilt, eher der weitläufigen als der epigrammischen Art angehört, ist sie noch längst nicht erschöpft; doch sein Besucher deutet an, dass er bei späterer Gelegenheit wiederkehren werde, um mehr von dieser kostbaren Austeilung zu empfangen.

Jack verabschiedet sich, geht

Szene 6

Edwin und Rosa kommen vom Spaziergang zurück.

Edwin
Ich weiß nicht, irgendwie komme ich mit diesen Diskussionen nie zurecht.

Rosa
Und wie solltest du denn auch jemals zurechtkommen, wenn du immer Unrecht hast?

Edwin
War nicht grade erquicklich unser Spaziergang, was?

Rosa
Erquicklich? Abscheulich war er! Wen ich nachher die Augen ausheule und nicht an der Tanzstunde teilnehmen kann, bist du schuld, merk dir das!

Edwin
Rosa, lass uns gute Freunde sein. .

Rosa
Ich wollte ja, aber grade weil wir keine guten Freunde sein können, plagen wir uns immer so. Rosa geht ins Haus, Eddy nach Hause zu Jack

Grewgious/Mikro
Sicher ist, dass keiner der beiden eine glückliche Gegenwart sieht, als das Tor sich öffnet und wieder schließt und einer hinein -- und der andere davon geht.

Szene 7

Jack trifft auf Durdles, der mit Steinen beworfen wird

Jack
Du kleiner Teufel du, was machst du mit dem Mann?

Vize
Er will nich nach Hause.

Jack
Was geht dich das an?

Vize
Er gibt mir n' halben Penny, dass ich ihn nach Hause treib, wenn ich'n zu spät noch draußen seh.
Widdy widdy weh
Wenn ich ihn treff nach zehn
Widdy widdy waus
Dann jag ich ihn nach Haus
Widdy widdy wumm (Pass auf,) sonst haut der Stein dich um

Durdles schaut sinnierend auf den Friedhof

Sapsea /Mikro/
Es handelt sich offenbar um eine vorher vereinbarte, in poetische Form gefasste Warnung an Durdles, sich umgehend auf den Heimweg zu machen.

Jack
Halt! Untersteh dich zu werfen, wenn ich so nahe bei ihm bin, sonst schlag ich dich tot! Darf ich Sie nach Hause bringen?

Durdles
Durdles war grade in Betrachtungen versunken, Sir, in Betrachtungen hier, wo er von seinen Werken umgeben is' wie ein berühmter Autor...

Jack
Gibt's was Neues in der Gruft?

Durdles
Was Altes meinen Sie wohl. Das ist kein Ort für Neuigkeiten.

Jack
Ich meine, ob Sie eine neue Entdeckung gemacht haben. Ich bewundere die bemerkenswerte Genauigkeit, mit der Sie offenbar immer aufspüren, wo jemand begraben liegt. Um die Wahrheit zu sagen, ich möchte Sie zu bitten, mir zu erlauben, ab und zu mit Ihnen zu gehen um mir ein paar von diesen seltsamen Winkeln anzusehen, in denen Sie ihr Leben verbringen.

Durdles
Is gut, jeder weiß, wo man Durdles finden kann, wenn man ihn braucht.

Durdles geht nach Hause, Jasper dreht ab, auch nach Hause.

Opiumprinzessin/Mikro
John Jasper kehrt zu seinem Torhaus zurück. Aus einem verschlossenen Wandschrank nimmt er eine eigenartig geformte Pfeife, stopft sie -- aber nicht mit Tabak -- und steigt eine innere Treppe hinauf, die zu zwei Zimmern führt. Das eine ist sein eigenes Schlafzimmer, das andere das seines Neffen. Sein Neffe schläft ruhig und sorglos. John Jasper geht in sein Zimmer, steckt seine Pfeife an und überlässt sich den Gespenstern, die sie zu mitternächtlicher Stunde beschwört.

Szene 8

Morgens bei den Crisparkles

Crisparkle boxt vor dem Spiegel und begibt sich zum Frühstückstisch

Crisparkle
Guten Morgen, Mama.

Mrs Crisparkle
Guten Morgen, mein lieber Sept.

Crisparkle
Was ist denn das für ein Brief?

Mrs Crisparkle
Er ist natürlich von Mr Honeythunder

Crisparkle
Natürlich! (öffnet ihn und liest vor) „Hafen der Philanthropie. Hauptbüro, London, Mittwoch. Verehrte gnädige Frau, nun nehme ich mir die Zeit, um -- was?

Mrs Crisparkle
... nun nehme ich mir die Zeit, um unsere kleine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen. Ich habe mit meinen zwei Mündeln, Neville und Helena Landless, über ihre lückenhafte Erziehung gesprochen und sie haben in den vorgeschlagenen Plan eingewilligt; wofür ich in jedem Falle schon gesorgt hätte, ob es ihnen gepasst hätte oder nicht."

Crisparkle
Es ist sehr merkwürdig, dass diese Philanthropen immer so darauf erpicht sind, ihre Mitmenschen am Kragen zu packen, um sie -- wie man wohl sagen kann -- mit Gewalt auf den Weg des Friedens zu stoßen. Verzeih, liebe Mama, dass ich dich unterbrochen habe.

Mrs Crisparkle
„deswegen, verehrte gnädige Frau, wollen wir Sie bitten, ihren Sohn, den Rev. Mr Crisparkle darauf vorzubereiten, Neville am kommenden Montag als Schüler und Pensionsgast zu erwarten. Am selben Tage wird Helena Landless ihn nach Cloisterham begleiten und sich selbst ins Nonnenhaus begeben."

Crisparkle
Nun, Mama, es ist nicht zu bezweifeln, dass wir Platz für einen Pensionsgast haben und dass ich Zeit habe, mich mit ihm zu beschäftigen und Lust auch. Ich muss gestehen, ich bin sehr froh, dass es sich dabei nicht um Mr Honeythunder selbst handelt. Wir müssen dafür sorgen, dass diese jungen Leute sich hier möglichst wohl fühlen. Nun ist zufällig gerade in diesen Tagen de Neffe von Mr Jasper da und wie man weiß, gleich und gleich gesellt sich gern, Jugend gesellt sich zu Jugend. Er ist ein freundlicher junger Mann, wir werden ihn zusammen mit den Geschwistern zu uns einladen.

Szene 9

Ankunft der Zwillinge, alle treten auf und verdecken die Zwillinge
Die Menge teilt sich, die Zwillinge stehen plötzlich in der Gasse.

Mr Sapsea
Willkommen in Cloisterham!

Gegenseitiges Beäugen und Gemurmel, die Menge verläuft sich wieder.

Crisparkle
Neville! Schön, dass Sie hier sind. Lassen Sie uns doch ein paar Runden drehen. Ich bin Septimus Crisparkle. Septimus weil vor mir sechs kleine Crisparkle-Brüder einer nach dem anderen gleich nach der Geburt erloschen sind wie sechs kleine Windlichter...

Neville
Das tut mir leid, Sir. Ich wüsste nicht, was ich ohne meine Schwester machen würde.

Crisparkle
Helena und Sie stehen sich wohl sehr nahe?

Neville
Oh ja, das liegt an unserer Kindheit. Ich nehme an, Sie wissen, dass wir, meine Schwester und ich, aus Ceylon kommen? Unsere Mutter ist gestorben als wir noch klein waren, wir wuchsen bei unserem Stiefvater auf, der sich als elender Geizkragen erwies. Alles hat er uns knapp gehalten: Bildung, Freiheit, Essen, Kleidung, die Grundbedürfnisse des Lebens, nie normalsten Freuden der Kindheit, die normalsten Güter der Jugend.

Crisparkle
Er ist vor kurzem gestorben, nehme ich an.

Neville
Vor ganz kurzem, Sir. Unser Stiefvater war ein brutaler, gemeiner Schinder. Helena hätte sich eher in Stücke reißen als vor jenem Mann zu weinen. Es war ein Glück, dass er starb, sonst hätte ich ihn womöglich umgebracht. Es überrascht Sie wohl, dass ich so rede, Sir?

Crisparkle
Es schockiert mich. Es schockiert mich ungemein. Nichts, nicht einmal die Tränen einer geliebten und schönen Schwester, die schwer misshandelt wird, kann die abscheulichen Worte rechtfertigen, die Sie gebraucht haben.

Neville
Es tut mir leid, sie gebraucht zu haben, besonders ihnen gegenüber, Sir. Ich bin unter verworfenen, kriecherischen, unfreien Menschen einer minderen Rasse aufgewachsen und es kann leicht sein, dass ich etwas von ihrer Natur angenommen habe.

Jack /Mikro/
Es lag etwas im Ton dieser kurzen Rede, was den gewissenhaften Mann, an den sie gerichtet war, beunruhigte.

Crisparkle
Nun, Mr Neville, wie wär's, wenn Sie es mir überließen, Sie besser kennen zu lernen?

Neville
Da es Ihnen beliebt, meinen spontanen Impuls abzublocken, muss ich mich wohl fügen.

Crisparkle
Sie haben zu rasch geglaubt, ich wollte Sie abweisen. Ganz im Gegenteil, Mr Neville. Ich lade Sie ein, sich mir anzuvertrauen. Sie müssen sich nicht verteidigen, Mr Neville. Seien Sie beruhigt. Ich werde Ihnen ihr Vertrauen nicht mit einer Predigt vergelten. Ich mag Sie. Ich will Ihnen helfen.

Jack /Mikro/
Es ließ ihn befürchten, er könnte ungewollt eine Vertraulichkeit abgewiesen haben, die sich wohltuend auf jenes ungestalte junge Gemüt ausgewirkt hätte, vielleicht auch wohltuend auf die Macht, es zu lenken und zu formen.

Neville
Ich will mich bemühen, mein Bestes zu tun.

Crisparkle
Und ich das meine. Hier, meine Hand drauf, Mr Neville. Möge Gott unsere Bemühungen segnen.

Neville
Eine Frage möchte ich noch erbitten. Dieser Mr Edwin Drood, das ist doch der Name?

Crisparkle
Ganz recht.

Neville
Ist er -- oder war er -- Ihr Schüler, Sir?

Crisparkle
Weder noch, Mr Neville. Er kommt hierher, um seinen Verwandten zu besuchen, Mr Jasper.

Neville
Ist Miss Bud auch seine Verwandte?

Jack /Mikro/
Wieso fragt er das jetzt plötzlich in so einem geringschätzigen Ton?

Crisparkle
Miss Bud ist mit Mr Edwin Drood verlobt. Es war der letzte Wille ihrer Eltern gewesen.

Neville
Ach so, deswegen! Jetzt verstehe ich seine Besitzermiene!

Szene 10

Bild des Druckes im Buch stellen und als Standbild lassen, Lichteffekte huschen über die Spieler im Freeze.

Mr Grewgious /Mikro/
Als sie ins Wohnzimmer traten, saß Mr Jasper am Klavier und begleitete Miss Rosebuds Gesang. Da er ohne Noten spielte, folgte er ihren Lippen sehr aufmerksam mit den Augen ebenso, wie mit den Händen, und schlug sorgfältig und leise von Zeit zu Zeit den Grundton an. Neben ihr, einen Arm um sie geschlungen, stand Helena, die sofort einen raschen Blick mit ihrem Bruder wechselte. Dann nahm Mr Neville seine bewundernde Haltung ein, in dem er sich der Sängerin gegenüber an das Klavier lehnte; Mr Crisparkle setzte sich zu der Porzellanschäferin; Edwin Drood klappte galant Miss Twinkletons Fächer auf und zu, während diese passiv dasaß und gewissermaßen Eigentum an der laufenden Darbietung für sich beanspruchte. Es war ein trauriges Abschiedslied, Und die frische junge Stimme war sehr klagend und zart. Während Jasper die hübschen Lippen begehrend beobachtete, wurde die Stimme zunehmend unsicher, bis die Sängerin auf einmal in Tränen ausbrach und, während sie ihr Gesicht mit Händen bedeckte, schluchzend aufschrie:

Rosa bricht zusammen.

Helena
Es ist nichts, es ist schon vorbei. Lasst sie für einen Moment in Ruhe, und sie wird gleich wieder wohlauf sein.

Edwin
Pussy ist es nicht gewöhnt, vor Publikum zu singen, das ist alles. Und übrigens, Jack, du verlangst so viel, dass sie sich, glaube ich, ein bisschen vor dir fürchtet. Kein Wunder.

Helena
Kein Wunder.

Edwin
Da, hörst du's Jack? Auch Sie würden sich unter solchen Umständen vor ihm fürchten, nicht wahr, Miss Landless?

Helena
Unter keinen Umständen.

Jasper lässt die Finger lautlos über die Tasten gleiten und verschwindet.

Edwin
Ich fürchte fast, es missfiel ihm, als ein Monster hingestellt zu werden, das dir Angst gemacht hat.

Mrs Twinkleton gibt Mrs Crisparkle ein Zeichen, dass sie aufbrechen werden. Edwin und Neville begleiten die Damen.

Mrs Twinkleton
Ich, die ich es auf mich genommen habe, mich um die Erziehung der künftigen Frauen und Mütter Englands zu kümmern, bin wirklich gehalten, ein besseres Beispiel zu geben, als das ausschweifender Gewohnheiten. Wir werden gehen.

Edwin und Neville begleiten die Damen nach Hause und geben sie an der Tür ab. Die Schulmädchen schlafen ein.

Mrs Tope /Micro/
Die Mädchen gingen schon schlafen, nur ich hielt noch einsame Wacht, um die neue Schülerin zu erwarten. Da diese das Zimmer mit Rosa teilen sollte, war nur wenig zur Einführung oder Erklärung nötig, bevor sie mit ihrer neuen Freundin allein gelassen werden konnte.

Sie öffnet Rosa und Helena die Tür, bringt ihnen Decken und Bücher
Neville und Edwin streiten draußen

Neville
Bleiben Sie lange hier, Mr Drood?

Edwin
Nein, diesmal nicht. Ich bin Ingenieur und werde bald ins Ausland gehen, Ägypten ein bisschen auf Trab bringen. Mein Vater hat mir etwas Kapital hinterlassen.

Neville
Mr Crisparkle erzählte mir von Ihrem anderen großen Glück!

Edwin
Was meinen Sie mit meinem anderen großen Glück?

Beide gehen spazieren und streiten sich stumm.

Szene 11

Rosa und Helena freunden sich an

Helena
Was für eine schöne Überraschung, meine Liebe. Den ganzen Tag lang haben ich gefürchtet, dass mich bei meiner Ankunft hier alle anstarren würden.

Rosa
Wir sind nicht viele und wir sind gutartige Mädchen. Jedenfalls die anderen, ich kann für sie bürgen.

Helena
Und ich kann für dich bürgen!

Mikro
Helena musterte das hübsche Gesicht mit ihren dunklen glühenden Augen.

Helena
Wir werden Freundinnen sein, ja?

Rosa
Ich hoffe.

Helena
Du hast so etwas Bezauberndes.

Rosa
Ach ja?

M
Rosa schmollte halb im Spaß und halb im Ernst.

Rosa
Wie schade, dass Eddy nichts mehr davon merkt.

M
Natürlich waren die Beziehungen zu dem jungen Mann schon bei der Einladung zu den Crisparkles angesprochen worden.

Helena
Er muss dich doch von ganzem Herzen lieben!

M
Helena meinte es so ernst, dass es in wilden Zorn umschlagen könnte, falls es sich nicht so verhalten sollte.

Rosa
Das tut er vielleicht. Aber es ist so lächerlich. Wir sind ein so lächerliches Paar. Und wir zanken uns andauernd.

M
Rosa gab diese Antwort, als ob es die schlüssigste Antwort der Welt wäre.

Helena
Willst du meine Freundin sein und mir helfen?

Rosa
Gewiss will ich das!

M
Der zutrauliche Ton ging Helena direkt zu Herzen.

Rosa
Und bitte sei du auch meine Freundin. Ich verstehe mich selbst nicht und brauche so sehr eine Freundin, die mich verstehen kann.

Helena
Wer ist Mr Jasper?

Rosa
Eddy's Onkel und mein Musiklehrer.

Helena
Du liebst ihn nicht?

Rosa
Huh!

Helena
Du weißt, dass er dich liebt?

Rosa
Oh, nein, nein, nein! Sprich nicht davon! Er macht mir Angst. Er verfolgt mich in meinen Gedanken wie ein böser Geist. Ich fühle mich nirgends sicher vor ihm. Mir ist, als könnte er durch die Wand hereinkommen, wenn man von ihm spricht.

Helena
Versuch trotzdem, mir davon zu erzählen, Liebes.

Rosa
Ja, ich will's versuchen, weil du so stark bist.

Helena
Was hat er denn getan?

Rosa
Wenn ich spiele, lässt er keinen Blick von meinen Fingern. Wenn ich singe, lässt er keinen Blick von meinen Lippen. Wenn er mich korrigiert und einen Ton anschlägt oder einen Akkord oder eine Stelle vorspielt, steckt er selbst in den Tönen und raunt mir zu, dass er mich als Liebender verfolgt und mir befiehlt, sein Geheimnis zu wahren. Ich vermeide es, ihm in die Augen zu sehen, aber er zwingt mich sie zu sehen, auch wenn ich nicht hinsehe, dann zwingt er mich, seine Nähe noch schrecklicher zu spüren.

Helena
Und das war alles, heute Abend?

Rosa
Das war alles. Nur, dass ich heute Abend, als er meine Lippen so scharf beobachtete, während ich sang, außer Angst auch noch Scham empfand und mich tief verletzt fühlte. Es war, als ob er mich küsste, und ich konnte es nicht mehr ertragen und musste schreien. Du darfst kein Sterbenswörtchen von dem weitersagen. Eddy liebt ihn sehr. Du hast heute Abend gesagt, du würdest dich unter keinen Umständen vor ihm fürchten, und das hat mir Mut gemacht dir davon zu erzählen. Halt mich fest, bleib bei mir! Ich fürchte mich, so allein zu sein!

Mikro/ Mildred (A)
Das leuchtende Zigeunergesicht beugte sich über die flehenden Arme, und das wilde schwarze Haar fiel schützend über die kindliche Gestalt. Ein lauernder Funke glomm in den scharfen dunklen Augen, obwohl sie von Mitleid und Bewunderung noch verschleiert waren. Möge, wer immer davon am meisten betroffen sein mag, sich gut davor hüten!

Szene 12

Edwin und Neville wieder im Fokus, räumen die Szenerie um

Edwin
Zum Teufel! Jeder in diesem alten Klatschnest spielt darauf an!

Neville
Es ist nicht meine Schuld, wenn Mr Crisparkle das Thema ganz offen angesprochen hat. Ich sprach es in der Meinung an, dass Sie nicht anders können, als sehr stolz auf Ihre baldige Vermählung zu sein.

Jack/Mikro
Zwei eigenartige Züge des menschlichen Wesens bilden die geheimen Triebfedern dieses Dialogs. Neville ist bereits tief genug von der kleinen Rosenknospe beeindruckt, um drüber empört zu sein, dass Edwin -- der doch so weit unter ihr steht -- seinen kostbaren Besitz so leicht nimmt. Und Edwin ist bereits tief genug von Helena beeindruckt, um darüber empört zu sein, dass Helenas Bruder -- der doch so weit unter ihr steht -- so kühl mit ihm umspringt. Jetzt sind beide wütend geworden. Neville macht keinen Hehl daraus, Edwin verbirgt seine Wut unter der durchsichtigen Hülle einer populären Weise, die er vor sich hinpfeift/summt.

Neville
Ich finde es nicht sehr zivilisiert von Ihnen, so hochnäsig mit einem Fremden umzugehen.

Edwin
Vielleicht besteht die höchste Zivilisiertheit darin, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Neville
Wissen Sie, dass Sie sich entschieden zu viel herausnehmen?

Edwin
Ach ja?

Jack
Ned, Ned, nichts mehr davon. Ich mag das nicht. Ich habe euch heftige Worte wechseln hören. Mr Neville ist ein Fremder, und du solltest die Pflichten der Gastfreundschaft achten. Und Sie, Mr Neville... Sie werden verzeihen, aber ich muss auch Sie bitten, ihr Temperament zu zügeln. Wir verstehen uns doch alle drei prächtig, nicht wahr?

Edwin
Also was mich betrifft, ich hege keinen Groll.

Neville
Ich auch nicht! Aber wenn Mr Drood wüsste...

Jack
Nun, dann ist ja alles in Ordnung! Ned, lass uns Mr Neville auf einen Abschiedstrunk mitnehmen.

Edwin
Von mir aus herzlich gern, Jack.

Neville
Von mir aus ebenso gern, Mr Jasper.

Umbau zu Jacks Zimmer mit Bild von Rosa

Jack
Erkennen Sie das Bild da, Mr Neville?

Neville
Oh ja, aber es ist alles andere als schmeichelhaft für das Original.

Jack
Es ist ein Werk von Ned, er hat…

Neville
Oh pardon, Mr Drood. Wenn ich das gewusst hätte...

Edwin
Ich wollte nur mal Pussys Eigenheiten ein wenig karikieren. Ich werde ein ernsthaftes Bild von ihr malen, wenn sie hübsch brav und artig ist.

Jack mixt Laudanum in den Wein

Edwin
Ich nehme an, wenn Sie ein Bild ihrer Liebsten malen würden...

Neville
Ich kann nicht malen.

Edwin
Wenn ich mal meine Hand an einem Portrait von Helena versuchen würde, und zwar im Ernst, dann sollten Sie mal sehen was ich kann.

Neville
Da meine Schwester aber niemals für Sie Modell sitzen würde, steht zu befürchten, dass ich nie sehen werde, was Sie können. Ich muss den Verlust ertragen.

Jack
Kommen Sie, wir wollen das Glas erheben! Auf Ned, der sich bald verabschieden wird! Die ganze Welt liegt ihm zu Füßen, er braucht nur zu wählen. Ein Leben voll anregender und interessanter Arbeit, ein Leben voller Abwechslung und Spannung, ein Leben in behaglicher Häuslichkeit und Liebe! Sehen Sie ihn an! Und bedenken Sie den Gegensatz, Mr Neville. Sie und ich haben keinerlei Aussicht auf all das -- uns erwartet das fade, immer gleiche Einerlei dieses öden Kaffs.

Edwin
Ich fühle mich ja schon ganz so, als müsste ich mich entschuldigen, dass mir der Weg so schön geebnet worden ist, wie du es beschreibst.

Neville
Es wäre vielleicht besser für Mr Drood gewesen, wenn er ein paar Härten erlebt hätte. Das hätte ihn etwas sensibler gemacht.

Edwin
Haben Sie denn Härten erlebt, wenn ich fragen darf?

Neville
Allerdings.

Edwin
Und wofür haben sie Sie sensibel gemacht?

Neville
Das habe ich Ihnen heute schon mal gesagt.

Edwin
Sie haben nichts dergleichen getan.

Neville
Ihre Eitelkeit ist unerträglich. Sie reden, als ob sie etwas Seltenes und Kostbares wären und nicht bloß ein ganz gewöhnlicher Prahlhans.

Edwin
Woher wollen Sie das denn wissen? Sie können vielleicht einen schwarzen gewöhnlichen Prahlhans erkennen, wenn Sie einen sehen, Ihr Bekanntenkreis ist sicher voll davon -- aber wie wollen Sie einen Weißen beurteilen?

Neville schüttet Wein auf Edwin und wirft das Glas hinterher. Er rennt weg.

Szene 13

Crisparkles Haus. Neville im Zimmer, Jack auf dem Papierhaufen, Crisparkle in der Mitte.

Crisparkle
Mr Neville, in diesem Zustand! Wo sind Sie gewesen?

Neville
Ich war bei Mr Jasper, Sir. Mit seinem Neffen. Wir haben uns gestritten, Sir. Er hat mich auf das schlimmste beleidigt.

Jack/Mikro
Es hat eine schreckliche Szene mit ihm gegeben.

Jack/Nev
Er/ich war so in Rage, er/ich hätte ihn zu Brei schlagen können und er/ich habs auch versucht! Es war fürchterlich! Er/ich hab etwas von einem Tiger in s/meinem Blut!

Neville
Verzeihung, Sir!

Jack
Sie haben eine gefährliche Aufgabe übernommen. Ich bin nicht Gegenstand seiner Feindseligkeit, aber mein Junge ist es gewesen -- und Sie könnten es noch werden. (Crisparkle geht weg) Auf welchem Weg die Nachricht, dass es Streit zwischen den beiden jungen Herren gegeben habe, der sogar mit einem tätlichen Angriff von Mr Neville auf Mr Edwin Drood kulminiert haben sollte, noch vor dem Frühstück in Mrs Twinkletons Anstalt gelangt war, ist unmöglich zu sagen.

Bleibt und beobachtet .

Szene 14

Nonnenhaus

Mabel (D)
Miss Helenas Bruder hat eine Flasche nach Mr Edwin Drood geworfen!

Millicent (L)
Miss Landless Bruder hat ein Messer nach Mr Edwin Drood geworfen!

Milred (A)
Miss Landless Bruder hat eine Gabel nach Mr Edwin Drood geworfen!

Mrs Tope
Miss Landless Bruder hatte gesagt, er bewundere Miss Bud. Mr Edwin Drood hatte Miss Landless Bruder gesagt, es sei nicht seine Sache, Miss Bud zu bewundern. Daraufhin ist Miss Landless Bruder hochgegangen, hatte sich Flasche, Messer, Gabel und Karaffe geschnappt und hatte sie allesamt nach Mr Drood geworfen!

Grewgious scheucht alle weg bis auf Rosa

Grewgious
Mein liebes Kind, obwohl ich dich bereits über die letztwillige Verfügung deines Vaters in Kenntnis gesetzt habe, ich bin gekommen, dir eine beglaubigte Abschrift davon zu überlassen. Obwohl auch Mr Edwin den Inhalt kennt halte ich es für richtig, dass auch Mr Jasper eine Abschrift bekommt.

Rosa
Kann Eddy die Abschrift nicht selbst bekommen?

Grewgious
Nun ja, gewiss doch, wenn du Wert darauf legst. Ich dachte nur, weil Mr Jasper doch sein Vormund ist.

Rosa
Bitte! Ich möchte nicht, dass Mr Jasper sich irgendwie in unsere Angelegenheiten einmischt. Sagen Sie mir bitte, mein armer Papa und Eddys Vater haben doch ihre Vereinbarung als sehr gute, engverbundene Freunde getroffen, nicht wahr?

Grewgious
Ganz recht.

Rosa
Und es sollte keinerlei Zwang auf Eddy und keiner auf mich ausgeübt werden, für den Fall, dass...

Grewgious
Dass ihr einander nicht heiraten solltet? -- Nein, keine nachteiligen Folgen, weder für dich, noch für Mr Edwin. Gibt es sonst noch etwas, was ich für dich tun kann?

Rosa
Ich... ich möchte mich lieber erst einmal mit Eddy bereden.

Grewgious
Sicher, sicher, ihr solltet in allen Dingen einer Meinung sein. Wenn er Weihnachten wiederkommt, setzt du dich mit mir in Verbindung und ich komme. Dann will ich mich mal verabschieden. Rosa küsst ihn spontan Danke, danke liebes Kind! Gott segne euch beide.

Opiumprinzessin (Mikro)
Gott schütze euch beide!

Grewgious
Ich habe segnen gesagt.

Opiumprinzessin (Mikro)
Und ich habe schütze gesagt.

Szene 15

Crisparkle trifft Helena und Neville

Crisparkle
Ein rauer Abend, Miss Landless! Jedenfalls nach Sonnenuntergang und wenn das Wasser vom Meer hereindrängt?

Helena
Oh nein! Es ist unser Lieblingsweg. Es ist so ruhig hier.

Crisparkle
Es ist sehr ruhig hier. Es gibt kaum einen Ort, an dem man ungestörter reden kann, wie ich es mit Ihnen gerne möchte. -- Mr Neville, ich glaube, sie erzählen ihrer Schwester alles, was zwischen uns vorgeht.

Neville
Alles, Sir.

Mrs Crisparkle/Mikro
Er ist betrunken heimgekommen und hat unser Haus sehr in Misskredit gebracht. Er hat große Missachtung vor unserer Familie bezeigt.

Crisparkle
Mithin weiß ihre Schwester auch, dass ich Sie wiederholt gedrängt habe, sich für den unseligen Vorfall am Abend Ihrer Ankunft hier irgendwie zu entschuldigen.

Helena
Ja.

Crisparkle
Ich nenne diesen Vorfall deshalb unseelig, weil er zweifellos ein Vorurteil gegen Neville geweckt hat. Es herrscht allgemein die Ansicht, er sei gefährlich und jähzornig,

Mrs Crisparkle/Mikro
Und ich sagte damals und sage noch heute, ich hoffe, dass Mr Neville sich bessern wird, aber ich glaube nicht daran.

Helena
Was Sie mir sagen, wird täglich durch verstohlene Hinweise und Anspielungen bestätigt.

Crisparkle
Nun also, ist das nicht bedauerlich und sollte rasch abgestellt werden? Es steht doch außer Frage, dass Neville im Unrecht war.

Helena
Er war provoziert worden.

Neville
Ich hege eine so große Bewunderung für Miss Bud, Sir, dass ich es nicht ertragen kann, sie mit Arroganz oder Gleichgültigkeit behandelt zu sehen.

Crisparkle
Es ist eine ungeheuerliche Anmaßung von Ihnen, wenn Sie sich zum Beschützer der jungen Dame gegen ihren auserwählten Gatten aufwerfen wollen.

Neville
Ob zukünftiger Gatten oder nicht, er behandelt sie wie eine Puppe und ich hasse und verabscheue ihn dafür.

Helena
Neville, Neville!

Mrs Crisparkle/Mikro
Ich frage mich, was er ohne seine Schwester wäre. Ohne ihren Einfluss.

Ab.

Crisparkle
Nach reiflicher Überlegung und nach Anhörung ihrer Schwester bin ich bereit zuzugeben, dass Sie bei Ihrer Versöhnung mit dem jungen Drood ein Recht darauf haben, dass er Ihnen auf halbem Weg entgegen kommt. Ich werde mich dafür einsetzen, dass das geschieht, sogar, dass er den ersten Schritt dazu tut. Ist diese Bedingung erfüllt, werden Sie mir Ihr Ehrenwort geben, dass der Streit Ihrerseits für immer beendet ist. Dafür müssen Sie Ihre Schwärmerei für die junge Dame überwinden und das wird sehr schwer sein. Umso höher werde ich das von Ihnen erbetene Ehrenwort bewerten, sobald Sie es mir rückhaltlos gegeben haben. Nun gut, ich lasse Sie jetzt mit Ihrer Schwester allein. Sie finden mich nachher auf meinem Zimmer.

Helena
Nein, gehen Sie noch nicht. Nur noch eine Minute!

Neville
Ich hätte nicht mal nur eine Minute gebraucht! Wenn Sie nicht so viel Geduld mit mir gehabt hätten, Mr Crisparkle, wenn Sie nicht so verständnisvoll zu mir gewesen wären. Oh hätte ich nur in meiner Kindheit solch einen Lehrer gehabt!

Helena
Folge deinem Lehrer jetzt, Neville und folge ihm bis in den Himmel!

Neville
Zu sagen, dass ich Ihnen die beiden gewünschten Versprechen aus tiefstem Herzen gebe, Mr Crisparkle. Und ich bitte Sie um Vergebung für meinen kläglichen Rückfall in unbeherrschte Leidenschaftlichkeit.

Crisparkle
Wer außer Ihnen könnte ihm helfen, sich davon zu befreien?

Helena
Wer außer Ihnen, Sir?

Sie gibt ihm einen Handkuss

Crisparkle
Na, na, übertreiben wir nicht.

Geht zu Jasper

Crisparkle
Ich will das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist.

Jack
Was ist? Wer hat es getan?

Crisparkle
Ich bin es nur, Jasper. Tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe.

Jack
Ich bin froh, dass Sie mich geweckt haben. Ich hatte einen furchtbaren Traum. Ganz zu schweigen davon, dass Sie mir immer willkommen sind.

Crisparkle
Danke. Ich bin nur nicht ganz sicher, dass Ihnen der Zweck meines Besuches auf Abhieb ebenso willkommen sein wird wie ich selbst. Doch ich verfolge mein Ziel im Interesse des Friedens. Mit einem Wort, Jasper, ich möchte zwischen den beiden jungen Burschen Frieden stiften.

Mikro/ Opiumprinzessin
Ein sehr verblüffter Ausdruck breitete sich über Jaspers Gesicht; auch ein sehr verblüffender, denn Mr Crisparkle wusste nichts damit anzufangen.

Jack
Wie?

Crisparkle
Wegen des Wie komme ich zu Ihnen. Ich möchte Sie bitten, bei Ihrem Neffen vorstellig zu werden -- ich bin schon bei Mr Neville vorstellig geworden -- und ihn dazu zu bewegen ein Briefchen zu schreiben, in dem er sich bereit erklärt, Mr Neville die Hand zu reichen. Ich weiß, was für ein gutartiger Junge er ist und wir müssen doch zugeben, dass Mr Neville bitter gekränkt worden ist.

Mikro/Opiumprinzessin
Jasper drehte sein verblüfft dreinschauendes Gesicht zum Kamin, Mr Crisparkle, fand das Gesicht sogar noch Verblüffender als zuvor, da ihm schien (was schwerlich sein konnte), als zeichne sich darin etwas wie heimliche Berechnung ab.

Jack
Sind Sie ganz sicher, dass Sie so zuverlässig für ihn sprechen können?

Crisparkle
Ja

Opiumprinzessin (Mikro)
Der verblüffte und verblüffende Ausdruck verschwand.

Jack
Dann nehmen Sie mir damit eine große Sorge und schwere Last vom Herzen. Ich werde tun, was Sie wünschen. Ich werde es tun um meine vagen Ängste zu besiegen. Sie werden lachen, wenn Sie mein Tagebuch lesen:

Jacks Tagebuch
Nach Mitternacht. -- Nach dem, was ich eben gesehen habe, quält mich eine krankhafte Angst vor möglichen schlimmen Folgen für meinen lieben Jungen, eine Angst, die ich mir weder ausreden, noch irgendwie bekämpfen kann. Alle meine Bemühungen sind umsonst. Der dämonische Jähzorn dieses Neville Landless, die Heftigkeit seiner Wut und die wilde Raserei, mit der er sein Opfer zu vernichten trachtet, entsetzen mich. Der Eindruck war so tief, dass ich seitdem schon zweimal in das Zimmer meines lieben Jungen gegangen bin, um mich zu vergewissern, dass er ruhig schläft und nicht tot in seinem Blute liegt.

Jack
In diese Stimmungen bin ich immer wieder verfallen. Aber jetzt habe ich ihre Versicherung als Rückhalt. Ich danke Ihnen.

Crisparkle
Ich habe Ihnen in meinem Namen zu Danken und ich danke Ihnen aufrichtig.

Edwins Brief
Drei Tage nach diesem Gespräch kam Mr Jasper zu Mr Crisparkle und zeigte ihm folgenden Brief:
Lieber JACK, Dein Bericht über Dein Gespräch mit Mr Crisparkle, den ich sehr achte und schätze, hat mich bewegt. Ich erkläre hiermit unumwunden, dass ich mich an jenem Abend genauso wie Mr Landless vergessen hatte und dass ich mir von Herzen wünsche, das Vergangene wäre vergangen und alles wäre wieder in Ordnung, Pass auf, alter Junge. Lade doch Mr Landless zum Essen am Weihnachtsabend ein (je besser der Tag, desto besser die Tat), sieh zu, dass nur wir drei alleine da sind, und dann reichen wir uns reihum die Hände und reden nicht mehr von der Sache. Wie immer herzlichst Dein Edwin Drood P. S.: Gruß an Miss Pussy in der nächsten Musikstunde.

Szene 16

Grewgious und Edwin

Grewgious
Ohne die Gabe der Prophetie zu haben, nehme ich an, dass Sie so freundlich waren bei mir vorbei zu schauen, um mir zu sagen, dass Sie wieder dahin fahren, wo sie -- wie ich Ihnen sagen kann -- schon erwartet werden.

Edwin
Tatsächlich, Sir? Ich hab's doch gewusst!

Grewgious
Nun, dann will ich mein Glas auf die schöne und reizende Miss Rosa leeren!

Edwin
Ich folge Ihnen, Sir!

Grewgious
Ich wage die Vermutung, dass der Sinn des wahren Liebenden gänzlich von der geliebten Person durchdrungen ist. Ich sehe den wahren Liebenden als einen, dessen Dasein nicht von dem der geliebten Person zu trennen ist. Ich denke mir, dass es bei einem wahren Liebenden keinen Zweifel, keine Gleichgültigkeit und keine halben Gefühle geben kann. Nun, was meinen Sie? Kommt mein Bild der Wahrheit irgendwie nah?

Edwin
Ich würde sagen, dass das von Ihnen gezeichnete Bild im Großen und Ganzen richtig ist. Aber es könnte doch sein, dass er nicht alle Gefühle zeigt. Oder es könnte sein...

Grewgious
Könnte. Dennoch trägt er eine große Verantwortung. Er darf diesen Schatz nicht wie eine Puppe behandeln. Das sollte er sich zu Herzen nehmen. Edwin nickt Und nun, seien Sie bitte so gut und schenken Sie mir für eine halbe Minute Ihre Aufmerksamkeit. Er geht den Ring holen Mr Edwin, diese Rose aus Diamanten und Rubinen, kostbar in Gold gefasst, war ein Ring, der Miss Rosas Mutter gehörte. Er wurde in meiner Gegenwart von ihrer toten Hand gezogen. Er wurde ihr von ihrem Gatten geschenkt, als sie sich das erste Mal Treue gelobten. Mein Auftrag ist es nun, dass ich, wenn sich die Verlobung bis dahin wunschgemäß entwickeln würde, ich Ihnen den Ring übergeben sollte, damit sie ihn ihrer Braut an den Finger stecken. Falls es nicht zu diesem erwünschten Ende kommen würde, sollte der Ring in meinem Besitz bleiben.

Edwin nimmt den Ring und steht auf.

Edwin
Mr Grewgious, vielen Dank, nun ist die Zeit auch schon recht weit vorgerückt und ich werde noch weiteren Verpflichtungen nachgehen.

Mikro/Mrs Twinkleton
Er war in einer ebenso grüblerischen wie ruhelosen Verfassung. Er fragte sich, ob Rosas Vater ihm die Vormundschaft nur deshalb übertragen hatte, weil er wusste, Herrgott, wie ähnlich sie ihrer Mutter geworden ist. Er fragte sich, ob Rosas Vater auch nur die leiseste Ahnung gehabt hatte, dass jemand sie aus einer hoffnungslosen und sprachlosen Ferne anbetete, als er dazwischentrat und sie gewann...

Grewgious
Schiuss jetzt!

Jack klopft bei Durdles.

Jack
Sind Sie bereit?

Durdles
Ich bin bereit, Mr Jarsper! Sehn wir mal, ob die alten Knaben sich raustrauen, wenn wir zwischen ihren Gräbern rumspazieren. Mein Geist ist für sie bereit!

Jack
Meinen Sie ihren Lebensgeist oder den aus der Flasche?

Durdles
Der eine is wie der andere und ich mein se beide. Achten Sie auf den Haufen da, Mr Jarsper.

Jack
Ich sehe ihn, was ist das?

Durdles
Kalk.

Jack
Sogenannter gebrannter Kalk?

Durdles
Jawoll, so heiß gebrannt, dass er Ihn'n die Stiefel auffressen würde. Und wenn er'n bisschen aufgerührt wird, auch die Knochen.

Crisparkle und Neville spazieren vorbei, sehen die anderen aber nicht.
Jack prustet leicht. Durdles beginnt zu trinken. Sie gehen in die Krypta, wandern umher bis Durdles einschläft. Jack nimmt sich einen Schlüssel und läuft durch die Krypta.

Mikro/ Vize
Durdles ist eingeschlafen und hat einen Traum -- er ist bemerkenswert, ungewöhnlich realistisch. Er liegt schlafend auf dem Boden der Krypta und zählt die Schritte seines Begleiters. Erträumt, dass er so lange allein in der Krypta liegt, bis die Lichtstreifen mit dem Vorrücken des Mondes ihre Richtung geändert haben. Nach einer kurzen Bewusstlosigkeit folgt ein Traum, in dem er friert und aufwacht und die Lichtstreifen haben tatsächlich ihre Richtung geändert, ganz wie er's geträumt hat und dann sieht...

Durdles
Holla!

Jack
Na, aufgewacht? Sind Sie wieder auf dem Damm?

Durdles
Warum sehn Sie mich dauernd so an, Mr Jarsper?

Jack
Ich habe den Verdacht, dass die Flasche leer ist. (Durdles lacht in sich hinein) Haben Sie tausend Dank für die anregende und interessante Nacht. Finden Sie allein nach Hause?

Durdles
Das will ich meinen.

Jack
Na dann, gute Nacht.

Durdles
Gute Nacht, Mr Jarsper.

Vize
Widdy widdy wumm, Gleich haut der Stein dich um.

Jack
Was? Dieser kleine Teufel ist uns gefolgt, seit wir hierhergekommen sind?

Vize
Lüge; bin ich nicht!

Durdles
Tun Sie dem Jungen nichts, Mr Jarsper!

Jack
Komm mir ja nicht noch mal unter die Augen.

Vize treibt Durdles weg.

Szene 17

Rosa
Ich möchte etwas sehr ernstes mit dir besprechen. Ich habe lange, lange darüber nachgedacht.

Edwin
Ich möchte auch ernst mit dir sprechen, liebe Rosa. Ich meine ernsthaft und ehrlich.

Rosa
Wir werden heute nicht zanken, oder, Eddy? Wir haben beide so viel Grund nachsichtig miteinander zu sein!

Edwin
Wir werden es sein, Rosa.

Rosa
Eddy, lass uns mutig sein, lass uns von heute an Bruder und Schwester sein.

Edwin
Nie Mann und Frau werden?

Rosa
Nie! Es hat sich so zwischen uns beiden ergeben. Du bist nicht wahrhaft glücklich mit unserer Verlobung und ich bin auch nicht wahrhaft glücklich mit ihr. Ach es tut mir ja so schrecklich leid!

Edwin
Mir tut es auch ganz schrecklich leid, Rosa.

Rosa
Ich habe viel nachgedacht, seit du das letzte Mal hier warst. Du hast mich gemocht, nicht wahr? Du hast gefunden, ich wäre ein nettes kleines Ding?

Edwin
Das finden alle. Rosa.

Rosa
So, tun sie das? Hmm, dann war's bestimmt nicht genug, dass du mich bloß so gefunden hast, wie mich alle finden!

Edwin
Das ist nicht zu bestreiten.

Rosa
Was ich sage, Eddy, gilt genauso für mich. Wenn es anders wäre, hätte ich nicht den Mut es zu sagen.

Edwin
Nach dem Gespräch mit deinem Vormund, hatte ich auch die Absicht es dir zu sagen Aber ich hätte nie so mit dir reden können, so verständig und klug. Die Enttäuschung für Jack wird schlimm sein.

Rosa
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht -- er hat doch damit gar nichts zu tun?

Edwin
Wir wissen, dass wir richtig gehandelt haben, nicht wahr Rosa?

Rosa
Ja.

Edwin
Und mit der Zeit werden wir uns noch viel, viel besser fühlen.

Rosa
Gott segne dich, Lieber! Leb wohl!

Edwin
Gott segne dich, Liebes! Leb wohl! Kuss

Rosa
Jetzt bring mich bitte nach Hause, Eddy.

Edwin
Schau dich nicht um Rosa. Hast du Jack nicht gesehen?

Rosa
Nein, wo?

Edwin
Dort. Der arme Kerl. Er ahnt ja nicht, dass wir unsere Verlobung aufgelöst haben.

Rosa
Ist er uns gefolgt?

Edwin
Nein. Doch. Da ist er.

Rosa schlüpft hastig ins Haus. Edwin dreht sich um und trifft auf die Opiumprinzessin

Mikro
Weihnachtsabend in Cloisterham. Drei sollen sich heute Abend in Jaspers Heim begegnen.

Edwin
Sind Sie krank?

Opiumprinzessin
Nein, Süßer.

Edwin
Sind Sie blind?

Opiumprinzessin
Nein, Süßer.

Edwin
Was ist los mit Ihnen? Warum stehen Sie hier in der Kälte, ohne sich zu rühren? Wo wollen sie hin?

Opiumprinzessin
Zurück nach Hause. Hab hier nach ner Nadel im Heuhaufen gesucht, und habse nicht gefunden. Wie wär's, Süßer, gib mit drei Shilling Sixpence, und mach dir keine Sorgen um mich.

Edwin
Nehmen Sie Opium?

Opiumprinzessin
Rauchen tu ich's. Gib mir drei Shilling Sixpence und ich wird se gut anlegen. Dann werd ich dir auch was verraten. (Edwin zählt das Geld ab und gibt es ihr) Wie ist dein Vorname?

Edwin
Edwin.

Opiumprinzessin
Ist die Kurzform davon nicht Eddy?

Edwin
Manche sagen so…

Opiumprinzessin
Ach ja, ach ja, ach ja, sei froh, dass dein Name nicht Ned ist. Das ist ein schlechter Name im Moment. Ein bedrohter Name, ein gefährlicher Name..

Edwin
Ein Sprichwort sagt, bedrohte Menschen leben lange.

Opiumprinzessin
Na, dann müsste Ned -- so bedroht is er nämlich -- ewig müsst der dann leben. Gott beschütze dich. Und dankeschön.

Opiumprinzessin ab, Edwin zu Jack.

Mikro/ Sapsea
Das ist nicht grade ein aufmunterndes Ende eines trüben Tages.

Szene 18

Neville und Helena treten auf

Nevilie
Ich bin nicht nur selber unglücklich und voller Unruhe, ich bin mir auch bewusst, dass ich andere Leute aus der Ruhe bringe und durch meine Anwesenheit störe. Das habe ich Mr Crisparkle dargelegt. Ich habe dabei erklärt, dass ich mich in einem elenden Kampf mit mir selbst befinde. Eine kleine Ortsveränderung und ein paar Tage Abwesenheit können mir hoffentlich helfen, besser damit fertig zu werden. Darum werde ich morgen früh zu einer kleinen Wanderung aufbrechen.

Helena
Und du willst ganz alleine gehen?

Neville
Ich fühle mich wohler ohne Gesellschaft.

Helena
Und Mr Crisparkle ist voll einverstanden, sagst du?

Neville
Ich habe ihm erklärt, dass ich ehrlich lernen will, mich zu beherrschen, und dass, wenn dieser Abend heute gut überstanden ist, es sicher besser sein wird, wenn ich für ein Weilchen von hier verschwinde. Ich wünschte, ich müsste nicht zu diesem Essen gehen, Helena.

Helena
Wie seltsam du redest, Neville! Was meinst du damit?

Neville
Ach Helena, Ich weiß nur, dass die Sache mir nicht gefällt. Wie seltsam drückend und tot ist heute Abend die Luft.

Helena geht ins Nonnenhaus, Neville zu Jack

Szene 19

Mikro/ Sapsea
John Jasper verbringt einen angenehmeren Tag als seine beiden Gäste. Er erzählt jedem, den er trifft, dass der lieb Ned und dieser leichtentzündbare, junge Hitzkopf heute Abend zu ihm zum Essen kommen und dabei ihre Differenzen ablegen würden.

Jack und Crisparkle erscheinen

Jack
Ich gehe ein Stück mit Ihnen, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich habe noch reichlich Zeit bis meine Gäste kommen und ich möchte Ihnen gerne etwas sagen, was Sie freuen wird.

Crisparkle
Und das wäre?

Jack
Sie sagten, dass ich bei der Sache mit Neville übertrieben hätte, das stimmt. Ich habe aus einer Mücke einen Elefanten gemacht, das ist alles.

Crisparkle
Es freut mich ungemein, dass Sie das sagen.

Sturm.

Opiumfrau
Ein Mann, der ein monotones Leben führt, brütet so lange auf einer Idee herum, bis er die Proportionen verliert.

Jack
Wo ist mein Neffe?!